Von Walter M. Herrmann

Es besteht wenig Hoffnung, daß die Frage "Soll man Brecht spielen?" an Aktualität verlieren wird. Wer "Ja" oder "Nein" als Antwort von vornherein für selbstverständlich hält, ist ein gegen alle Argumente gefeiter Charakter – und macht sich die Antwort leicht. Wir wollen sie uns schwer machen. In diesem Sinne sei die folgende Stellungnahme des erfahrenen Hamburger Theaterkritikers verstanden.

Bert Brecht war ein großer deutscher Dichter und ein überzeugter Kommunist. Aus dem ersten Grunde wird er bei uns von vielen für unentbehrlich gehalten, aus dem zweiten von vielen abgelehnt. Eine Einigung war darüber bisher nicht zu erzielen.

Nach dem 13. August und den folgenden Ereignissen haben einige westdeutsche Bühnen – nicht alle – dem öffentlichen Druck der Neinsager nachgegeben und bereits vorbereitete oder angekündigte Brecht-Aufführungen vom Spielplan abgesetzt. Über das Für und Wider solcher Entscheidungen soll hier nicht befunden werden; genug, daß es in dieser Frage ein Für und Wider gibt, über das man nachdenken sollte.

Aber der verpönte Bert Brecht ist vielleicht ein Anlaß, etwas über den angewandten Bert Brecht zu sagen, nämlich über den durch die List oder die Dialektik der Geschichte nun wieder anwendbar gewordenen Dichter des berühmten Verses aus der "Dreigroschenoper":

Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Licht und Schatten haben sich ja seither auf eklatante Weise anders verteilt, mit oder ohne Zutun, mit oder ohne Zustimmung des Dichters und Kommunisten. Er starb im Ungarn-Jahr 1956. Wenn er noch lebte: niemand wüßte zu sagen, auf welcher Seite der Mauer er heute stehen würde, dort geblieben bei Ulbricht oder entkommen wie Ernst Bloch.