Der Berg erhob sich inmitten der Stadt, und droben lag die Burg. Wiewohl sie benachbart waren, die Stadt und die Burg, lebten sie aneinander vorbei: so, als sei das Nächste das Fernste. Nicht einmal das Wetter hatten sie gemein. War die Stadt in Nebel gehüllt, sonnte die Buig sich behaglich; peitschten eisige Winde die Burg, mochte es in der Stadt vor Hitze brodeln.

Wir sagen da immer: die Burg – wohl deshalb, weil es für ausgemacht gilt, daß ein Berg, der im Stadtkern emporragt, eine Burg auf dem Rücken trägt: gebieterisch entrückt, befestigt ein Hort für Herrscher und Heiligtum. Bisweilen (und das heißt: lange Zeiten hindurch) befand sich droben wirklich eine Burg, wenngleich nicht immer dieselbe, denn auch Burgen zerfallen oder brennen ab. Bisweilen aber war es keine Burg, sondern etwa? anderes

Fragte der Fremde den Einheimischen, wer denn die Burg bewohne, so erhielt er gewiß zur Antwort: "Welche Burg? Ach ja, die Burg. Er tut mir leid, aber ich weiß nicht, wer sie bewohnt und ob sie überhaupt bewohnt ist." Die Leute in der Stadt nahmen also den Berg nicht wahr, obwohl sie in ihren Straßen fortwährend um ihn herumgehen mußten. Sie ließen ihn gleichsam links liegen – so wie im Wald, in der Steppe manche Tiere sich um andere Tiere nicht kümmern. weil diese ihre Feinde oder Opfer nicht sind.

Und doch gab es eine Stelle, die sich mit dem Berg befaßte Ein kleines Amt war es, vor Urzeiten zu dem Zweck gegründet, ihn zu beobachten und seine Geschichte zu schreiben. Wer der Stifter gewesen, wußte niemand mehr; auch die Beamten (zwei waren es immer) wußten es nicht. Da auf dem Berg selten etwas Merkenswertes geschah, hatten die beiden wenig zu tun und beschieden sich darauf, täglich aufzuzeichnen, wie droben das Wetter sei. In der Regel erreichten die Nichtstuer ein hohes Alter; viel Ansehen genossen sie nicht, und den meisten Bürgern war das winzige Amt unbekannt. Jenes Vermögen, das einst seinen Fortbestand sichern sollte, war längst dahin. Deshalb hatte man – auch das lag lange zurück – im Rat verfügt, daß jeder Fremde, der Falschgeld in Umlauf setzte oder die Tempeldirnen um ihren Lohn prellte, eine Buße an das Amt zu entrichten habe. Davon lebten die Beamten schlecht und recht.

Diesem Amt, das wie durch ein Wunder die Zeitläufe überdauert hatte: die Kriege, Bürgerkriege, Brände und Seuchen, verdanken wir alle Nachrichten über den Berg und die Burg. Wahrscheinlich ist die Geschichte des Amtes ungleich fesselnder als die des Berges, doch leider haben die Beamten davon nichts niedergelegt; es war vielmehr ihr Ehrgeiz, sich selbst aus dem Spiel zu lassen. Ihre Aufgabe hieß: den Berg beobachten, und was derweil in der Stadt oder mit ihnen geschah, hatte in den Akten nichts zu suchen.

Aus diesen Akten erfährt man, daß der Berg durchaus nicht immer eine Burg trug; auch melden sie, auf welche Weise diese oder jene Burg wieder verschwand. Ein früher Chronist, der fünfundneunzig Jahre alt wurde, berichtet anschaulich, wie im Lauf seines langen Lebens die Burg von Pflanzen überwuchert ward, so daß sie zuletzt einem Urwald glich. Um welche Pflanzen es sich handelte, konnte er der weiten Entfernung wegen nicht erkennen, doch nahm er an, Gewächse aus fremden Ländern hätten sich droben breitgemacht. Ein anderer Chronist trägt abwechselnd ein jenes unbestimmbare Etwas auf dem Berg sei waldhaft, zottig gefiedert, stachlig, es gleiche einem Schwamm, einer Rußwolke, einem Haufen Seetang. Er notiert, er habe in Neumondnächten droben ein Heulen vernommen, das sich wie Gelächter, oder ein Gelächter, das sich wie Heulen anhörte. Diesem Chronisten, der so ungenau und widerspruchsvoll Buch führt, ist nicht zu trauen. Vielleicht hatte wir schlechte Augen (Brillen gab es damals noch nicht), vielleicht trank er mehr, als ihm gut tat. Wahrscheinlich bestellte man nicht immer die Besten in das Amt.

Zottig, struppig, atmend, einem gewaltigen Tier gleich: so schildert ein anderer Zeuge das Ding auf dem Berg. Doch er verdient noch weniger Glauben als der eben Genannte, weil er seine Beobachtungen in Verse gebracht hat. Wer dichtet, lügt, wenn auch unbewußt der Ablauf des Verses geht ihm über die Wahrheit. Da möchte man doch lieber jenen glauben, die berichten, der Berg sei jahrhundertelang nur ein Berg gewesen, ohne jede Dreingabe: ein Weideplatz für Tiere, die wie Ziegen aussahen. Als eines von ihnen den steilen Berghang herunterstürzte, stellte man fest, daß es keine einheimische Ziege war, sondern ein Paseng, aus Mittelasien. Schließlich sei noch ein Chronist erwähnt, der angibt, seit Menschengedenken befinde sich auf dem Berg ein See, den kein Vogel lebend überfliege. Wie konnte er das wissen? Den Berg hatte er bestimmt nicht erstiegen – das getraute sich niemand. Wir glauben, der Gute wollte sich mit seinem See nur hervortun.