R. B., Berlin, im November

Mit dem Eifer von Termiten bauen Volkspolizisten und Arbeiter seit Montagnacht an einer zweiten Ulbricht-Mauer in Berlin. Sie ist aus Beton, wird 1,60 Meter dick und zwei Meter hoch. Zusätzlich’ wird sie mit Panzerblöcken bewehrt. Ulbrichts Mauer Nr. 1 hatte die Aufgabe, die Bewohner des Arbeiter- und Bauernstaates einzusperren und jeden Versuch zur Flucht zu verhindern. Die Mauer Nr. 2 dagegen soll amerikanische oder andere Panzeraufmärsche verhindern. Das erspart den Sowjets künftig, mit eigener Streitmacht aufzutreten. "Unsere Maßnahmen dienen dem Frieden" versichern die kommunistischen Lautsprecher, die an der Sektorengrenze die Aktion kommentieren.

Die technischen Anstalten, die heute in Ostberlin für die zweite Mauer getroffen werden, sind so umfangreich, daß auf eine Initiative geschlossen werden darf, die seit langem geplant worden ist. Ulbricht hat aber offenbar den Abflug des Bundeskanzlers nach Washington abgewartet, um zu demonstrieren, daß jede Berlin-Lösung, die in Washington erörtert wird und die etwa von ganz Berlin ausgeht, irreal ist. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird die SED-Propaganda einige westliche Erklärungen aus der letzten Zeit zur Begründung für die zweite Ulbricht-Mauer heranziehen. Adenauers Wort, daß die Mauer weg müsse und die Wiederholung dieser Forderung durch die Außenminister Rusk und Schröder werden dabei eine Rolle spielen; wie auch das Interview General Clays, der dem Pariser "Figaro" glaubhaft versicherte, daß eine westliche Gegenaktion am 13. August keinen Krieg heraufbeschworen hätte.