In Ihrer Nummer 47 vom 17. November bringen Sie eine Besprechung meines Buches über die deutsche Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg von Dr. Paul Sethe. So dankbar ich für die eingehende Würdigung des Buches bin, so bedauere ich doch die dieser Besprechung gegebene Unter-Überschrift "Professor Fischers These von der Alleinschuld (Deutschlands) am Ersten Weltkrieg".

Diesen Begriff habe ich in meinem Buch nicht gebraucht, vielmehr ausdrücklich darauf hingewiesen, "daß in dem Zusammenstoß von politischmilitärischen Interessen, Ressentiments und Ideen, die in der Julikrise zur Wirkung kommen, die Regierungen der beteiligten europäischen Mächte in der einen oder anderen Weise und in sehr abgestufter Form an der Verantwortung für den Ausbruch des Weltkrieges teilhaben Diese abgestuften Verantwortlichkeiten zu behandeln, konnte aber nicht Aufgabe meines Buches sein; das hätte ein Werk für sich erfordert.

Wohl aber habe ich weit stärker, als es in der vorherrschenden deutschen Geschichtsanschauung geschieht, festgestellt, daß "die deutsche Reichsführung einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges trägt", weil Deutschland den lokalen österreichischserbischen Krieg gewollt und gedeckt hat und dabei, "im Vertrauen auf die deutsche militärische Überlegenheit, es im Jahre 1914 bewußt auf einen Konflikt mit Rußland und Frankreich ankommen ließ".

Damit ist nicht behauptet, daß Deutschland unter allen Umständen diesen allgemeinen Krieg herbeiführen wollte: ein Zurückweichen Rußlands vor kriegerischem Einsatz hätte eine eklatante Niederlage dieser Macht vor der slawischen Welt bedeutet, seine Stellung auf dem Balkan erschüttert und das Übergewicht Berlins und Wiens in diesem Raum gesichert – zweimal, 1909 in der bosnischen Annexionskrise und 1912 in der Frage eines Adriahafens für Serbien, hatte Rußland Serbien preisgegeben, weil es nicht genug gerüstet war; vielleicht würde es ein drittes Mal zurückweichen. Ein Zurückweichen Frankreichs aber vor dem kriegerischen Einsatz – und auch das hielt Bethmann Hollweg für möglich – hätte das Bündnis Frankreich-Rußland gesprengt, und damit den Dreiverband, die sogenannte "Einkreisung"; ebendies war ein Hauptziel der deutschen Politik. Kam es aber zur militärischen Kraftprobe, so schien Deutschland noch in der Lage, sie zu bestehen (in wenigen Jahren würde sie das bei dem Rüstungszuwachs jener beiden ändern), um so mehr, wenn England gegenüber einem Krieg der Kontinentalmächte neutral bliebe, wie Bethmann Hollweg annahm und wofür er die politischen Voraussetzungen geschaffen zu haben meinte. Glaubte doch der deutsche Generalstab Frankreich in 4 bis 5 Wochen vernichtend schlagen zu können.

Zu der gewiß neu entbrennenden Diskussion um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die Verantwortlichkeiten wird eine in Kürze großangelegte Dokumentation eines jüngeren Historikers, Dr Emanuel Geiss, eine leicht zugängliche aktenkundliche exakte Unterlage schaffen: auf über 1000 Seiten werden darin sämtliche grundlegender Dokumente der europäischen Nationen zur Julikrise neu gedruckt und mit Einleitung und fortlaufendem Kommentar versehen. In meinem Buch, das von der Fixierung auf die Schuldfrage der Blick weg auf die treibenden Ideen und Kräfte der deutschen Politik vor und im Kriege hinlenken will, konnte dieser historische Moment, so ungeheuer seine Auswirkung auch war, nur in äußerster Konzentration behandelt werden.

Zur Persönlichkeit Bethmann Hollwegs möchte ich noch sagen, daß ich das Epitheton "macchiavellistisch" nirgends auf ihn angewendet habe. Er hat in der Julikrise so gehandelt wie vor dem Kriege und im Kriege in der Innen- wie Außenpolitik, daß er stärkeren Kräften nachgab; soweit er eigene weitreichende Ziele vertrat – wie etwa im Mitteleuropaplan, der eine moderne Form der Einflußnahme sein sollte gegenüber uferlosen Annexionsforderungen, oder in seinem Gedanken der "Garantien und Sicherheiten", auch durch "Angliederung" von Randstaaten – hat er ihre machtpolitischen Auswirkungen unterschätzt, hat er der damit gegebenen deutschen Hegemonie in Europa eine Lebensmöglichkeit zugesprochen, die sie nicht hatte.