Von Harald Jürgensen

Prof. Harald Jürgensen von der Universität Hamburg setzt sich in seinem kritischen Beitrag mit einem Artikel von Günter Koch "Entwicklungshilfe ist keine Einbahnstraße" (ZEIT, Nr. 44) auseinander. Die These, man könne mit einer liberalen Handelspolitik die Nöte der Entwicklungsländer weitgehend lösen, ist vor allem bei Wirtschaftspraktikern sehr verbreitet, wenn auch in den Konsequenzen durchaus nicht unbedingt beliebt. Dagegen sehen die Gelehrten die Sache etwas komplizierter und glauben nicht an die Wirksamkeit einer "Selbstregulierung" des ökonomischen Spannungsverhältnisses zwischen den entwickelten und unentwickelten Ländern.

Anlaß zu einer Kritik und zu ergänzenden Bemerkungen gibt mir der von Günter Koch in der "Zeit" Nr. 44 veröffentlichte Artikel Entwicklungshilfe ist keine Einbahnstraße". Herr Koch geht darin von einer notwendigen Neuorientierung der westlichen Hilfskonzeption aus, als ob die Notwendigkeit zusätzlicher Einkäufe aus Entwicklungsländern bisher im Hintergrund aller Überlegungen gestanden hätte. Der Gedanke, den Entwicklungsländern mehr durch Handel zu helfen, ist alt und immer wieder und m.E. mit besserer Begründung als hier vorgetragen worden.

Wogegen ich mich wende, ist die Tendenz in diesem Artikel; als ob die hochentwickelten Länder sich mit den angegebenen "Beruhigungs-Milliarden" von dieser notwendigen Handelshilfe frei kaufen wollten.

Die als Beispiel hierfür angeführten finanziellen Leistungen der Bundesrepublik in Höhe von 2.2 Milliarden DM für die ersten sechs Monate des Jahres 1961 fassen völlig inkommensurable Größen zusammen. Hierbei handelt es sich doch nicht etwa nur um Kredite oder Geschenke der Bundesrepublik, sondern in dieser Summe sind auch private Lieferantenkredite, Direktinvestitionen der deutschen Wirtschaft und ähnliche Posten einbegriffen, bei denen der Entwicklungsaspekt nicht im Vordergrund steht. Die Kreditzusagen von 5 Milliarden DM beziehen sich nur auf Staatskredite und werden für ihre Abwicklung mehrere Jahre benötigen. Herr Koch sollte also wegen seiner pointierten Stellungnahme scharf unterscheiden zwischen den Beträgen, die von der privaten Wirtschaft direkt unter kommerziellen Gesichtspunkten vergeben werden (wobei es sich ja bei Direktinvestitionen überhaupt nicht um Kredite handelt, sondern um Eigentumserwerb im Ausland) und den erst in jüngster Zeit in größerem Umfange gewährten langfristigen Projektkrediten des Staates bzw. der staatlichen globalen Unterstützung von Gesamtentwicklungsplänen.

Da es gegenwärtig nur globale Vorstellungen über den Gesamtbetrag einer notwendigen Entwicklungshilfe gibt, der seinerseits wieder sehr stark von der Zielsetzung (2 vH, 3 vH oder 4 vH Einkommenszuwachs pro Kopf und Jahr) abhängt, auf der anderen Seite kein Verteilungsschema dieser Gesamtsumme auf die aufbringungsfähigen Länder existiert (etwa 0,5 vH, 1 vH oder 1,5 vH des Bruttosozialprodukts zu Faktorkosten), gibt es auch kein "Soll", an dem die Leistungen der Bundesrepublik gemessen werden könnten. Hierzu müßten überdies erst einmal sämtliche Leistungen der Industriestaaten an die Entwicklungsländer im Hinblick auf ihren "Entwicklungseffekt" gewichtet werden. Es erscheint absurd, daß gegenwärtig eine Direktinvestition amerikanischer Firmen in einem Erdölland genauso als Entwicklungshilfe gewertet wird wie ein ungebundener staatlicher Zuschuß der Bundesrepublik zum dritten Fünfjahresplan Indiens. Im ersten Fall braucht überhaupt keine Kapitalübertragung von Amerika stattzufinden – es kann sich um re-investierte Gewinne handeln, die in der Höhe wiederum durch monopolistische Absatzpraktiken auf den Märkten Europas beeinflußt wurden – im anderen Falle handelt es sich um einen echten Investitions- bzw. Konsumverzicht im Inland. Im ersten Fall erhöht sich das amerikanische Auslandseigentum, im zweiten Fall erhöht sich das Volksvermögen Indiens, und dieser Erhöhung steht bestenfalls eine langfristige Kreditverpflichtung gegenüber. Im ersten Fall entscheiden die Investoren über die Verwendung der zusätzlichen Kapitalien, im zweiten Fall die Dringlichkeitsskala des Fünfjahresplans. Ähnlich differenzieren müßte man zwischen einer "Getreide-Anleihe" bzw. Geschenken und verlorenen Zuschüssen für Infrastrukturprojekte. Würde man an Hand solcher Kriterien die einzelnen "Entwicklungsbeiträge" nicht Dollar gleich Dollar zusammenrechnen, sondern gewichten, sähen die Leistungen der Aufbringungsländer im Vergleich anders aus.

Die überflüssigen Variationen der Rohstoffpreise bedeuten für die Entwicklungsländer nicht so sehr einen Verlust (es hat ja auch längere Perioden hoher Preise gegeben mit entsprechenden, sehr hohen Einnahmen), sondern vor allen Dingen die Unmöglichkeit, für langfristige Pläne mit einem festen jährlichen Aufkommen an Devisendispositionen rechnen zu können. Hier liegt ja gerade der Vorteil, den die russischen staatlichen Außenhandelsorganisationen mit ihren Tauschgeschäften zu festen Verrechnungspreisen bieten.