Lieber Herr Durrell! 8. Mai 1951

Ich habe mit großem Genuß und großer Aufmerksamkeit "Acte" gelesen und freue mich, das Werk im Oktober inszenieren zu können. Sie wissen sicher, daß die stärkste Szene die zwischen Fabius und Nero ist und daß die Abschiedsszene zwischen Acte und Arbiter wunderbar gelungen ist. An unser verbürgerlichtes Theater stellen Ihre weiträumigen Figuren wieder große Anforderungen...

Aber nun darf ich einige Bedenken anmelden:

Ganz äußerlich: "Acte" ist ein völlig unmöglicher Titel. Im Deutschen ist "Akte" der Plural von "Akt", und ein Theaterstück hat bei uns drei Akte.

Es gibt bei Hugo v. Hofmannsthal eine Zeile: "Wie töricht, aber wie pompös", die mir immer wieder einfällt, wenn ich mich mit Ihrer Titelheldin beschäftige. Vielleicht liegt da eine Titelmöglichkeit...

An der Handlung selber stört mich etwas, daß jeder jeden kennt und jeder zu jedem eine Beziehung hat. Und wenn zum Schluß selbst Metellus noch einmal in die Handlung eingreift, werde ich nervös. Dazu kommt, daß Sie mich vor schwer glaubhafte Situationen stellen, die Sie mir einerseits nicht genug motivieren, andererseits sich aber auch nicht frech genug über die Gesetze der Logik hinwegsetzen.

Da ist einmal die Beziehung von Acte zu Nero. Diese gefährliche Frau kann also monatelang den beschützten Nero ungehindert sehen, sie kann ihm – von dem Sie sagen, daß seine Speisekoster an seinen Lippen hängen wie Blutegel – Brotsuppe kochen, und er bespricht mit ihr geheimste Dinge. Womit hat sie sein Vertrauen erworben? Und was verspricht sie sich von Galba, wenn sie ihm Nero zeigt? Sie kennt doch seine Einstellung. Nun, wo Fabius in Lebensgefahr schwebt – warum tötet sie Nero nicht, warum ist sie am Ende halb ohnmächtig? Denn die Begegnung Neros mit seiner Mutter hat sie schon mehrfach miterlebt, und Galbas Schlußsatz in dieser Szene befriedigt mich nicht.