Von Walter Gong

Bonn‚ im November

Der Gastgeber, ein neugebackener Bundesminister, öffnet die Tür zu seinem winzigen Appartement in einem ultramodernen Bonner Wabenhaus mit so temperamentvollem Schwung, daß die kalte Nebelluft gleich durch die ganze "Wohnung" fest: "Kommen Sie herein, Lagen Sie ab. Ich habe mir den ganzen Abend freigenommen. Wir können ihn verplaudern, das ist ganz erfrischend, wenn man sonst ununterbrochen amtlich zu sein hat..." Dieser Eröffnungsakt bleibt symbolisch: mit Dr. Wolfgang Stammberger, dem 41jährigen Juristen aus Coburg, kommt frischer Wind ins Kabinett und in die deutsche Justiz,

Dieser Mann ist ein Riese. Steht er aber in der Enge seiner hübsch, glatt und unpersönlich eingerichteten Einzimmerwohnung, so wirkt er zwischen den kleinen Möbeln (nur die Blumen in eine! Ecke haben Gardemaß) gar nicht erdrückend. Wie kommt das? Man versucht, die äußere Erscheinung des Ministers in ein Verhältnis zu seiner eher auf Bundeszwerge zugeschnittenen Umgebung zu bringen, und dabei stellt sich heraus, daß Stammberger auf eine ungewöhnliche Weise Harmonie um sich verbreitet. Man kann sich den neuen Minister eigentlich in jeder Umgebung vorstellen, ohne daß er deplaciert wirken, würde.

Sein neues Amt nimmt er unbefangen, fast fröhlich, aber auch ohne übertriebene Erwartungen entgegen, "Ein Ministerposten ist keine Lebensstellung. Meine Anwaltspraxis in Coburg – (Dr. Stammberger, Dr. Schilling und Frl. Berbig) – läuft weiter, obwohl ich an ihr nicht mehr teilnehmen darf. Meine Familie muß ich mehr deshalb in Coburg lassen, weil meine Kinder – zwei Töchter, 13 und 12 Jahre alt, ein Sohn, 9 Jahre alt – durch die Umschulung mindestens ein halbes Jahr verlieren würden. Die im Grundgesetz gewährleistete Freizügigkeit gilt eben für Kinder nicht... Meine älteste besucht ein ,Deutsches Gymnasium‘, das gibt es, glaub’ ich, nur in Bayern. Und eine zusätzliche Wohnung hier? Ich bekomme nur 300 Mark Wohnungsgeld!"

Dr. Stammbergers Lebenslauf im Telegrammstil: Sohn eines Coburger Anwaltes, studierte Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft, Kriegsteilnehmer, Leutnant, 1946 Mitgründer des Verbandes der Jungdemokraten in Bayern, seit 1953 im Bundestag, zuletzt Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheitswesen. Von der FDP-Fraktion zum Ministeranwärter während der Koalitionsverhandlungen bestimmt. "Bei uns in der Partei gibt es noch eine unverfälschte Auseinandersetzung nach allen Regeln des Parlamentarismus. Ich wurde zuerst zum Anwärter auf den Posten des Innenministers in geheimer Abstimmung durch die Fraktionskollegen gewählt – auch dieses Ressort hätte mich gereizt. Als es dann aber hieß, nicht Innenministerium, sondern Justizministerium, habe ich darauf bestanden daß noch einmal – and wieder geheim – über mich abgestimmt wurde. Erst dann wurde ich dem – Kanzler vorgeschlagen."

Der junge Minister bekennt, "mit Leib und Seele" Jurist zu sein. "Ich habe mein Ministerium, in dem auch heute noch der Geist eines Thomas Dehler wohnt, mit Ehrfurcht übernommen." Spezialisiert hat er sich nie. "Als Anwalt in einer Stadt mit 45 000 Einwohnern muß man alles können, wie ein Landarzt. Wir können nicht nur auf die Lunge oder nur auf das Herz blicken, wir müssen den ganzen Organismus sehen." Darum auch, so scheint es, sieht Stammberger es als seine erste Pflicht an, die Novelle zur Deutschen Strafprozeßordnung, die ein Jahr beim alten Bundestag ruhte, als seinen ersten Gesetzentwurf durchzubringen. Er meint, daß der Organismus der deutschen Justiz einer kleinen Verjüngungskur bedarf.