Mörderjagd in Bayern – Ein Krimi nalobermeister kombinierte messerscharf

München

Mord scheint kein gar zu schwieriges Geschäft zu sein – unter Umständen. Entscheidend ist dabei, wer den Fall in die Hand bekommt.

Einige Affären aus der aller jüngsten Zeit stützen diese Theorie. Am Freitag der vergangenen Woche gab die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe bekannt, der Mörder des ukrainischen Exilpolitikers Stephan Bandera habe sich gestellt. Bandera war im Oktober 1959 tot aufgefunden worden, in einem Münchner Treppenhaus, in seinem Magen wurde Zyankali festgestellt. Jetzt erklärte der 30jährige Russe Bogdan Staschinskij, er habe den Ukrainer im Auftrag des sowjetischen Sicherheitsdienstes umgebracht. Seinerzeit hatte die Münchner Mordkommission „fieberhaft“ gearbeitet und schließlich „mit Sicherheit festgestellt: auf den ukrainischen Emigrantenführer wurde kein Anschlag verübt. Er hat Selbstmord begangen.“

Ebenfalls in der vergangenen Woche erklärte ein Mann namens Kurt Niemeyer als Zeuge vor dem Nürnberger Schwurgericht auf die Frage, warum er denn ein falsches Geständnis abgelegt habe: „Weil man mir bei der Polizei immer nicht geglaubt hat, wenn ich gesagt hab’, ich war es nicht. Weil mir die Sache zu dumm wurde; weil ich nicht mehr gewußt hab’, was ich sagen soll.“

Jene Sache, die dem Niemeyer zu dumm wurde, passierte am 27. Juni 1958. Maskiert, eine ungesicherte Pistole in der Hand, drang ein junger Mann in die Wohnung eines Ehepaars ein, um es zu berauben. Als die Frau um Hilfe zu schreien begann, gab der Eindringling sieben Schuß ab. Der Ehemann starb, seine Frau wurde schwer verletzt.

Fünf Zeugen lieferten dem Gericht eine Beschreibung des Mörders, den sie alle hatten flüchten sehen. Zeuge eins: Er trug Handschuhe. Zeuge zwei: Er trug keine Handschuhe. Zeuge drei: Er hielt beim Laufen seine Hände vor der Brust in den Mantelärmeln versteckt. Zeuge vier: Mit der rechten Hand schlenkerte er frei. Zeuge fünf: Er hatte die rechte Hand in der Brusttasche,

Der Richtige war der Falsche

Solcher Beschreibungen brauchte sich die Polizei indessen seinerzeit nicht zu bedienen. Noch am selben Abend verhaftete sie Kurt Niemeyer als den Mörder. Am nächsten Morgen meldete sich ein Herr, der erklärte, er habe gleich nach der Tat den Hilfsarbeiter Werner Heck aus dem betreffenden Haus stürzen sehen, und wurde wieder heimgeschickt: Guter Mann, wir haben den Mörder schon.

Niemeyer hatte bereits gestanden. Die Begründung dafür lieferte er jetzt bereitwillig: Weil ihm die Polizei nicht glaubte, als er sagte, er wisse von nichts. Im wesentlichen stimmte sein Geständnis mit dem Tatablauf überein, was darauf hindeutet, daß die Polizei es sich nicht sehr schwer gemacht hatte: Woher sollte Niemeyer wissen, was vor sich gegangen war, wenn nicht von den vernehmenden Beamten?

Später widerrief er. Dann bekräftigte er sein Geständnis erneut. Freilich ergaben routinemäßige Ermittlungen mit der Zeit, daß Niemeyer in wesentlichen Punkten falsche Angaben machte (so wurde beispielsweise die Waffe nie dort gefunden, wo er sie hingeworfen haben wollte), aber das bekümmerte die Polizei nicht mehr: Sie hatte ja ihren Mörder.

Es gab auch ein Motiv, die Differenzen zwischen dem, was Niemeyer erzählte, und dem, was eigentlich etwas anders verlaufen sein mußte, nicht allzu wichtig zu nehmen: Niemeyer ist schwachsinnig. Er wiederholte einfach, was die Polizei ihm in der ersten Nacht erzählt hatte; offenbar war er nicht mehr aufnahmefähig für spätere Varianten. Weil er schwachsinnig war, verlief alles glatt, vor dem Ermittlungsrichter, vor der Staatsanwaltschaft, vor dem Schwurgericht. Stimmte etwas nicht ganz, wurde auf den Geisteszustand des Angeklagten verwiesen. Das Urteil lautete auf 15 Jahre Zuchthaus. Nach Verbüßung seiner Strafe sollte er in einer Heil- und Pflegeanstalt untergebracht werden.

Vergangene Woche verhandelte das gleiche Gericht in der gleichen Sache gegen einen anderen Mörder: jenen Werner Heck, auf den die Polizei schon am Morgen nach der Tat aufmerksam gemacht worden war. Hecks Ehe war allmählich in die Brüche gegangen, und eines Tages zeigte Frau Heck ihren Mann wegen des Mordes an. In der Zwischenzeit hatte Niemeyer, dem es in der Strafanstalt nicht gefiel, dort sein Geständnis widerrufen, wurde aber ausgelacht. Nach der Festnahme Hecks warf man ihn kurzerhand aus dem Zuchthaus hinaus.

Die schwierige Situation rettete der Staatsanwalt. Wohl hatte seinerzeit die Nürnberger Polizei viel Lob geerntet, weil es ihr gelungen war, den Mörder so rasch zu greifen, jetzt aber wurde sie ein zweites Mal belobigt. „Sie hat“, rief der Staatsanwalt in den Schwurgerichtssaal, „die Scharte ausgewetzt.“

Was ist normal?

Auch dem Gericht gewährte der Staatsanwalt mutig Unterstützung: Zwar sei Niemeyer zu Unrecht verurteilt worden, aber sein Geständnis habe „den Anschein der Richtigkeit besessen, weil sich normalerweise doch kein Mensch eines Mordes bezichtigt, den er nicht begangen hat“. Wobei freilich die Frage offen bleibt, was für einen Unnormalen normal ist.

Werner ^feck zu verurteilen, fiel nicht schwer. Wohl verweigerte Frau Heck die Aussage, aber der Angeklagte hatte nach seiner Verhaftung ein Geständnis abgelegt (wie auch Niemeyer). Dann freilich widerrief er (wie auch Niemeyer), blieb aber konsequent und leugnete vor Gericht eisern. Da er nicht schwachsinnig ist, wurde ihm nicht geglaubt, und er bekam lebenslänglich.

Allerdings ist auch Hecks Geständnis keineswegs restlos klar, und so bleibt die Möglichkeit, daß die Nürnberger Polizei in dieser Sache noch einen dritten geständigen Mörder liefert.

Es gibt auch andere Polizisten in Bayern, die Morde bearbeiten. Einer von ihnen heißt Karl Rodatus und ist Kriminalobermeister in München. Rodatus, damals noch in Fürstenfeldbruck stationiert, wurde Ostern 1960 in eine Villa am Starnberger See beordert. Dort lag im Keller eine erschossene Frau, im Erdgeschoß ein erschossener Mann: er Arzt, sie seine Haushälterin.

Außerdem lag auf einem Sofa eine Kugel, und zwar aus einer Pistole, die neben dem Arzt gefunden wurde. Im Wohnzimmer war auf dem Fußboden ein größerer Blutfleck. Im Keller winselte ein Hund, der in einer Kammer eingesperrt

Intimes Verhör

Für den Kriminalobermeister Rodatus war der Fall klar, wenn auch ein wenig kompliziert. Erst hatte der Arzt „im Affekt“ seine Haushälterin im Keller erschossen; dann ging er nach oben. Unterdes kam der Hund mit dem Blut der Toten in Berührung und lief ins Wohnzimmer, wo er den Boden beschmutzte. Jetzt schoß der Arzt auf den Hund, traf ihn aber nicht; die Kugel fiel aufs Sofa.

Der Arzt, so kombinierte Rodatus weiter, packte den Hund, brachte ihn in den Keller, sperrte ihn dort ein, ging abermals nach oben und konnte sich endlich – mit Mantel und Hut bekleidet – in Ruhe durch den Mund schießen.

Es gab noch eine Reihe merkwürdiger Spuren; sie zu sichern hielt Rodatus für unnötig – er hatte ja alles gelöst. Er ließ nicht einmal das blutverschmierte Gesicht des Arztes abwaschen. Als die Leiche viel, viel später exhumiert wurde, stellte sich heraus, daß es zwei Schüsse gewesen waren, die den Arzt getötet hatten: beide in die Schläfe, jeder für sich tödlich.

Nachdem „der Selbstmörder und sein Opfer“ bestattet worden waren, kam Rodatus mit einer Person in Berührung, die eigentlich als sehr verdächtig gelten mußte: Vera Brühne, mit dem Arzt nicht verwandt, wohl aber als seine Freud in mit einem schönen Nachlaß bedacht. Rodatus vernahm Vera Brühne über längere Zeit, in ihrer Wohnung. Er brachte Blumen, Likör und Pralinen mit, plauderte über den Stand der Ermittlungen, duzte sich bald mit ihr und ließ sich „Carlos“ nennen.

Strafguthaben reicht lange

Zur Zeit wird gegen Vera Brühne und einen Freund ermittelt: wegen Mordes, begangen aus Habgier an dem Arzt und der Haushälterin. Hätte nicht der Sohn des Arztes die Exhumierung durchgesetzt, wäre, dank Kriminalobermeister Rodatus, der Doppelmord nie als solcher erkannt worden. Heute sagt Rodatus, der damals nicht einmal das Gesicht des angeblichen Mörders und Selbstmörders genau betrachtete: „Seien Sie doch menschlich; schreiben Sie nichts, jeder macht mal Fehler.“

Im Gegensatz zum tüchtigen Rodatus in Fürstenfeldbruck ist den tüchtigen Nürnberger Polizisten ein – wenn auch recht kleiner – Triumph vergönnt gewesen: Niemeyer, der Schwachsinnige, wurde mittlerweile wirklich straffällig und wegen unzüchtiger Handlungen an Mädchen zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Zu sitzen braucht er allerdings nicht, da sein Guthaben in der Strafanstalt leicht dazu ausreicht, dieses Urteil abzudecken.

Aber auch Rodatus kann sich nicht beklagen. Er wurde inzwischen aus Fürstenfeldbruck an die höchste einschlägige Behörde versetzt, ans Bayerische Landeskriminalamt. Otto v. Loewenstern