N. B., Washington, im November

Noch weiß man nicht, welche Vorschläge der Kanzler im einzelnen nach Washington mitgebracht hat und wie die Gespräche im Weißen Haus verlaufen sind. Noch wissen wir nicht, ob es bei dem weltpolitischen Rendezvous zwischen Adenauer und Kennedy mehr Übereinstimmungen oder mehr Meinungsverschiedenheiten gegeben hat. Einigermaßen bekannt ist indes das Grundkonzept, auf das sich die Botschafter-Arbeitsgruppe bei ihren regelmäßigen Gesprächen in Washington geeinigt hat und das in etwa folgendermaßen aussieht:

1. DDR: Der Westen wird nichts unternehmen, um die Russen an der Unterzeichnung eines Friedensvertrages mit Ostberlin zu hindern. Aber er wird versuchen, vorher eine Übereinkunft hinsichtlich der westlichen Rechte in Berlin zu erzielen. Diese Übereinkunft könnte dann in den Vertrag aufgenommen werden, den Chruschtschow mit Ulbricht abschließen will. Der Westen wird darauf verzichten, sein Veto dagegen geltend zu machen, daß dem Zonenregime Kontrollrechte von den Sowjets übertragen werden – vorausgesetzt, daß dadurch eigene Rechte nicht beschnitten werden; Es gäbe auch hinfort keine diplomatischen Kontakte zur Zone, wohl aber ein höheres Maß an offiziellem Verkehr.

2. Berlin soll eine frei gewählte Regierung und seine gegenwärtigen politischen sowie wirtschaftlichen Verbindungen mit der Bundesrepublik beibehalten. Dienststellen der Bundesrepublik, die eine große Anzahl von Westberlinern beschäftigen, würden in der Stadt verbleiben. Dagegen würde Westberlin nicht – es sei denn, die Verhandlungen mit den Sowjets scheiterten – formal in die Bundesrepublik eingegliedert werden.

3. Zugangsrechte. Jeder Unterbrechung wird mit Gewalt Widerstand geleistet. Dabei geht es auch um das Recht der Bundesbürger, das Territorium Mitteldeutschlands ohne Ostberliner Visum zu überfliegen.

4. Die Mauer. Ihr Abbruch gilt als ein Verhandlungsziel auf lange Sicht, nicht als Vorbedingung für die Eröffnung der Verhandlungen.

5. Die Oder-Neiße-Grenze. Die Alliierten stimmen mit der Bundesregierung überein, daß diese Frage erst bei der Wiedervereinigung geregelt werden kann.