Von einem skandalösen Erfolg ist Meldung zu erstatten, oder, richtiger gesagt: von einem erfolgreichen Skandal. Die Operette, letzthin etwas kurz gekommen auf unseren Bildschirmen, kehrte in der vergangenen Woche gleich zweimal zurück. Am Mittwoch huldigte man Wilhelm Busch, indem man seinen textlich wie musikalisch gleich belanglosen Jugendstreich "Der Vetter auf Besuch" liebevoll ausgrub, am Sonntag polierte man Millöckers "Bettelstudent" wieder auf, wobei man den alten Text der Zell und Genée mit Geist und Witz in eine sich selbst nicht ernst nehmende Persiflage aufs Militär und die Obrigkeit umbog.

Die Inszenierung, von Kölns Operetten-Spezialist Kurt Wilhelm ganz und gar aufs Tänzerisch-Parodistische hin angelegt, war auch dann sehr hübsch, wenn die Anleihen bei den Filmen "Fanfan, der Husar und dem "Wirtshaus im Spessart offenkundig waren. "Der Bettelstudent atmet den Geist der k. u. k. Monarchie, die Nähe Osteuropas ist – wie in allem Austriazischen – spürbar, die Polen-Schwärmerei macht sich bemerkbar, die damals durch ganz Europa ging und ja auch in den Liedern des Grafen Platen kurz zuvor ihren Niederschlag gefunden hatte. Die Geschichte handelt, wie jedermann sich erinnern wird, von den beiden polnischen Freiheitskämpfern der verbotenen Armee des Gouverneurs der besetzten polnischen Stadt und – der Lösung aller: Konflikte durch Liebe.

Aber wie? Polnische Patrioten auf deutschen Bildröhren? Krakau als Schauplatz und polnische Schöne als Heldinnen? Seit dem "polnischen Frühling" geht zwar wieder eine Polen-Schwärmerei durch die Welt, aber in Deutschland ist dergleichen nicht möglich, im Kölner Sender hält man sich auch singenderweise an Hallsteins Prinzipien, auch vor Pappkulissen und in Reifröcken hält man der NATO die Treue.

Das Stück wurde umgeschrieben: Aus der Gräfin Bronislawa wurde Mademoiselle Ninette, der Freiheitsheld Jan hat sich unversehens in einen Pariser Jean verwandelt, die Liebe findet nicht mehr in einer Stadt des Warschauer Paktes statt, sondern im Grenzgebiet unseres französischen Alliierten. "Aufdie-Schulter-geküßt" wird jetzt bündnistreu.

Die Sache ist nachahmenswert, und die europäische Dramenliteratur bietet den Text-Revisoren ja reiches Betätigungsfeld. Das Petöfi-Drama wäre nach Holland zu verlegen, Schwejk dient in der amerikanischen Marineinfanterie, beim "Zar und Zimmermann" ersetzt man Rußlands Herrscher durch Norwegens König, Schillers "Demetrius" stammt aus monegassischem Fürstengeschlecht. Es wäre doch gelacht, wenn wir die Theaterliteratur nicht mit unserer Außenpolitik in Übereinstimmung bringen könnten. lupus