Die erste Ministertagung der neuen regionalatlantischen Wirtschaftsorganisation, der OECD, ist ein stilgetreues Gegenstück zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds im vergangenen September. An beiden trafen sich hochqualifizierte Wirtschaftsfachleute: Sie wurden sich zwar rasch über Richtlinien einig – und ließen hernach alle Fragen der Durchführung offen.

Die atlantische Gruppe ist sich darüber im klaren, daß die noch immer sehr labile internationale Währungslage nur durch "finanzielle Zementeinspritzungen" in die britischen und amerikanischen (morgen vielleicht auch die französischen) Ritzen geheilt werden kann. Dennoch wurde der Grundsatz ausgesprochen, daß kein Mitgliedsland eine Wirtschaftspolitik betreiben soll, die in die Währungslage der freien Welt neue Unsicherheitsmomente bringen wird. Ferner war man sich auch darin einig, daß die Expansion weitergehen muß: einmal um die stellenweise noch immer bestehende Arbeitslosigkeit erfolgreich zu bekämpfen und zweitens um der russischen Propaganda entgegenzuwirken.

Man fand also eine geniale, aber nicht eben dynamische Lösung: es wurde die Formel "Stabilität trotz Expansion" umgeprägt in "Expansion bei Stabilität". Die Regierungen mögen jetzt versuchen, ihr einmal in der Tagesarbeit nachzuleben!

Immerhin hat man auch darüber eingehend gesprochen, wie das vor sich gehen könnte. In währungspolitischer Hinsicht sollen häufige Beratungen und eine unausgesprochene aber dennoch konkrete Lenkung durch den wirtschaftspolitischen Ausschuß der OECD dafür sorgen, daß jedes Land in seiner Wirtschafts- und Konjunkturpolitik die Spielregeln einhält. Ein Zwang zur Befolgung der Ratschläge wird zwar nicht bestehen, aber hier ist die Tradition, die die OECD von ihrer Vorgängerin – der OEEC – geerbt hat, ermutigend.

Für die Expansion haben die Amerikaner ein Ziel gesteckt: 50 Prozent Zuwachs in neun Jahren, worauf Arithmetiker sofort die genaue Jahresrate, nämlich 4,6 vH im Durchschnitt errechneten. Mit einigen technischen Vorbehalten haben alle Minister erklärt, sich dieser Fahrt in das wirtschaftspolitische Schlaraffenland anzuschließen.

Da ist nun aber auch die gefährliche Stelle, an der es im Sitzungssaal still wurde. Man kann nämlich die Expansion und die Währungsstabilität gleichzeitig nur dann zur Forderung erheben, wenn auch dafür gesorgt wird, daß der laufende Verbrauch in einem vorgesehenen,. gebremsten Rhythmus steigt. Mit anderen Worten: die Lohnpolitik müßte inskünftig die ganze Verantwortung übernehmen, die sie bis jetzt mit der Währungs- und Expansionspolitik teilen durfte. Zugegeben, daß in den vergangenen Jahren diese drei Faktoren ungleich belastet und bei den Lohnerhöhungen einige Auswüchse zu verzeichnen waren; doch verfällt man jetzt in den entgegengesetzten Fehler und scheint die Eindämmung der Lohnerhöhungen als universales Heilmittel zu betrachten. – Wie meistens, liegt die richtige Lösung in der Mitte. Ein gewisses Ausmaß an Lohndisziplin kann und soll man den Gewerkschaften zumuten, ebenso wie man von den Regierungen eine Währungsdisziplin und von der Privatwirtschaft ein Maßhalten bei der Expansion erwarten darf. Wir dürfen aber die freie Welt aus bloßer Angst vor der schleichenden Inflation oder einer konjunkturellen Stagnation nicht sozialen Störungen aussetzen. Diese letzte Konsequenz scheint man bei den Beratungen nicht gebührend beachtet zu haben.

Die Ministertagung formulierte klar das Kernproblem der OECD: Sie soll dafür sorgen, daß die atlantische Gruppe einer besseren gemeinsamen Wirtschaftszukunft entgegengehe. Der Ball wurde aber sofort den Regierungen zurückgespielt und diese werden dann die Energie und den Mut – die sie im Château de la Muette nicht gezeigt haben – aufbringen müssen, um in ihren Ländern zu verwirklichen, was einer Quadratur des wirtschaftspolitischen Zirkels gleichkommt. J. F. K.