Von Hermann P. Gebhardt

Montevideo, im November

Als der neue Präsident Brasiliens, João Goulart, kürzlich den Eid auf die Verfassung leistete, war in den Kommentaren sehr viel von Demokratie" die Rede. Aber die brasilianischen Offiziere hatten drei Tage vorher die Änderung der Verfassung erzwungen. Als der argentinische Präsident, Dr. Frondizi, Ende September die Vereinigten Staaten besuchte, nannte man sein Land ein "Beispiel konstruktiver Demokratie". Aber seine Offiziere haben ihren Präsidenten in zwei Jahren etwa vierzigmal mit dem Staatsstreich gedroht und haben vor kurzem die Entlassung des Außenministers Dr. Mujîca erreicht.

Die Offiziere kontrollieren die Regierungen wie eine "vierte Kraft" im Staate, welche die Exekutive, das Parlament und die Justiz immer wieder überspielt und sich gegen das geschriebene Verfassungsrecht stets behauptet.

Diese Situation ist nur aus der historischen Entwicklung zu begreifen. Unter der Nachwirkung der Französischen Revolution und im Taumel der erfolgreichen Befreiungskriege wurde vor etwa 130 Jahren die "Demokratie" proklamiert. Für sie aber fehlten in Lateinamerika alle Voraussetzungen: Es mangelte’ an der tragenden politischen Schicht, und es mangelte im Volk an jeglichem Sinn für fair play im Kampf um die Macht. So trat an die Stelle einer neuen Ordnung das Chaos der Bürgerkriege.

Und bald ergab es sich, daß das politische Vakuum durch die Offiziere gefüllt wurde. Sie waren es denn auch, die aus ihren Reihen immer wieder die Diktatoren stellten. Eine Revolution folgte der anderen. Aber es war kein Kampf des Volkes gegen die feudalistische Oligarchie, sondern ein Ablösungsspiel in eigener Pirsch.

Dies Bild änderte sich vor etwa 30 Jahren, als Vargas in Brasilien eine Diktatur gegen die herrschende Kapitalschicht errichtete. Seit dieser Zeit stützten sich viele "Führer" – unter ihnen vor allem Perón – auf Heer und Arbeiterschaft, Doch haben wirkliche Sozialrevolutionen bisher nur in Mexiko, Bolivien und Kuba stattgefunden.