Es muß nicht immer der Wolf sein, der sich als Schäfer anbietet. Die Gründe, aus denen jemand Erzieher wurde, sind oft recht einfach. Einer – der Schreiner-Lehrmeister eines Heimes – gestand mir: "Nach dem Krieg gab es hier in der Gegend wenig Arbeit. Außerdem hatten meine Familie und ich keine Wohnung. Und da war hier die Stelle eines Schreinermeisters ausgeschrieben. Ich habe mich beworben – hauptsächlich, weil eine Wohnung mit dem Arbeitsplatz verbunden war. Zunächst habe ich nur an eine Übergangslösung gedacht. Später bin ich dann in die Erziehungsarbeit hineingewachsen. Inzwischen habe ich auch einen Erzieherlehrgang mitgemacht, der mir das pädagogische Handwerkszeug vermittelt hat. Es ist ja nicht einfach, so mit den Burschen zurechtzukommen. Aber ich schaffe das schon."

Ein Fünfundzwanzigjähriger erzählte mir: "Ich komme aus der Katholischen Jugend und bin von Haus aus kaufmännischer Angestellter. Dieser Beruf hat mich nicht befriedigt. Ich meinte, man könnte in dieser Zeit Wichtigeres tun, als die Mahnkartei zu überwachen und Mahnungen zu schreiben. Das war nämlich nach der Lehre zwei Jahre meine Arbeit.

Durch meine Jugendarbeit war ich schon immer mit jungen Menschen verbunden. Irgendwo habe ich dann mal gelesen, daß man in den Heimen hier Erzieher braucht, Da habe ich mich gemeldet. Als ich ein Jahr in einem Heim war, merkte ich, daß der Idealismus allein nicht genügt, Daraufhin bin ich zwei Jahre auf ein Seminar für Wohlfahrtspflege gegangen. Das ist unsere Fachausbildung. Nun bin ich schon zwei Jahre in diesem Heim als Freizeiterzieher."

Ein Dritter ist Werkmeister und Lehrlingsvater und schon 35 Jahre in der Fürsorgeerziehung. Er sagt einfach; "Ich bin schon ewig in der Lehrwerkstatt, Zur Zeit haben wir 26 Jungen. Die werden von mir bis zur Gesellenprüfung vorbereitet. So habe ich schon -zig Abteilungen zur Gesellenprüfung geführt. Die meisten Jungen haben ganz gut bestanden und sind auch ordentliche Menschen geworden. Was will man mehr?"

Und schließlich meinte einer: "Ich war Führer beim Arbeitsdienst und dann beim Militär und bin dadurch sozusagen von Jugend auf mit jungen Menschen verbunden. Nach dem Krieg gab es leider keinen Arbeitsdienst mehr. Da bin ich in die Erziehungsarbeit gegangen, weil mir das eben liegt. Ich bin jetzt schon 15 Jahre in diesem Heim. Zwischendurch habe ich einen Lehrgang für Erzieher mitgemacht, das war ganz gut. Aber viel ist dabei nicht rausgekommen. Ich bin nun mal ein Mann der Praxis. Mein Prinzip ist: Zügel straff halten, bei Gelegenheit ein bißchen locker lassen, aber immer die Sache fest in der Hand halten, Psychologie und wie das alles heißt, das mag ja ganz gut sein. Die Praxis sieht anders aus, Das kann ich Ihnen versichern."

Dieser kleine Querschnitt ist symptomatisch und stimmt mit dem überein, was ich in 23 Hei-Riten sah. Dieser Beruf wurde gar zu oft nicht bewußt gewählt, sondern zufällig ergriffen. Das Ergebnis: Gute Erzieher sind rar.

Aber es gibt noch einen anderen Grund dafür, daß die Erzieherstellen oft unzureichend besetzt sind. Es ist die schlechte Bezahlung einer schweren Arbeit, Nehmen wir unseren Werkmeister, 65 Jahre alt, 35 Jahre im Heim tätig. Er hat ein Kind und verdient 664 Mark netto monatlich. Draußen könnte er etliches mehr verdienen.