London, im November

You’re a Square rief mir Mike Walton zu, als ich mich etwas zu neugierig im Jugendklub umsah. Sie sind ein Viereck – mit diesem Satz wurde ich von dem vierzehnjährigen Mike in die Kategorie der Erwachsenen abgeschoben und also verdammt. Denn die Jugend ist rund und hat keine Ecken wie die Erwachsenen mit ihren verschrobenen Ideen.

Zwar werden die Youth Clubs überall in England von wohlmeinenden "Vierecken", Pastoren und Jugendfürsorgern, eingerichtet, aber organisieren läßt sich die englische Jugend nur mit großem Widerwillen; den Klub leitet sie selbst. Sogar als "Viereck" muß man das nun auch verstehen können, denn wer wollte schon in der Freizeit organisiert werden? Man steht doch schon den ganzen Tag in der Schule, in der Lehre und im Elternhaus unter dauernder Leitung, üppig versehen mit Ermahnungen.

In dem Jugendklub in Holborn gab mir Mike auch deutlich zu verstehen, daß ich als Erwachsener nur geduldet sei. Auf die Frage, weshalb er den Abend nicht mit den Eltern verbringe, antwortete er: "Och, das ist langweilig, die Familie sitzt wie festgeleimt vor dem Fernsehapparat und sieht sich Abend für Abend kindische Programme an."

Ich hatte Mühe, mich bei diesen Gesprächen an den besonderen Slang zu gewöhnen, denn selbst sprachlich versucht sich die englische Jugend – wie ihresgleichen in anderen Ländern – von den Erwachsenen zu distanzieren. Ein Mädchen ist kein girl, sondern ein slicktrick. Wenn sie besonders hübsch ist: a cool cat, eine kühle Katze – wie überhaupt die Bezeichnung cool das höchste Lob der Perfektion ist.

Die starke kritische Einstellung wurde aus Mißtrauen geboren. Die englische Jugend ist sich der politischen Unsicherheit sehr wohl bewußt, die ihr die ältere Generation als Erbe vermacht hat. Die sich jagenden Krisen werden von der Jugend wahrgenommen, die Erwachsenen dafür verantwortlich gemacht. Die jungen Engländer von heute sitzen im Gefängnis ihrer eigenen Logik. Sie sehen nur das Unvermögen und die Wurstelei der Erwachsenen; sie bemerken fast nur das Negative: Ihre eigentliche Logik macht es ihnen schwer, auch das Positive zu erkennen.

Damit ist auch der Respekt gegenüber den Erwachsenen fast völlig erloschen. Alter zu sein, hat nur die Vorteile, mehr Geld zu besitzen und mehr Erfahrungen, nichts weiter. Wenn man mehr Geld hat, kann man mehr Platten kaufen und öfter in die Espressobar gehen. Immerhin bekommt man als Schüler mindestens ein Pfund Sterling (etwa 11 Mark) Taschengeld, in der Lehre fünf Pfund wöchentlichen Arbeitslohn. Um ihre Erfahrungen indessen werden die "Vierecke" glühend beneidet, besonders um die sexuellen. Die junge Generation ist heute körperlich bedeutend früher reif als die Vorkriegsgeneration und Sexuellem gegenüber durchaus neugierig. Sie unterscheidet sich darin völlig von früheren Generationen, die ja in England geradezu prüde erzogen worden sind.