Folgt auf das Chaos der Kommunismus? "Dann wäre ganz Südostasien verloren!" Der Gegner ist Überall

Von Theo Sommer

Saigon, im November

Das ganze Mekong-Delta, die Reisschüssel Südvietnams, ist eine einzige Wasserwüste. Endlos breitet sich unter dem Flugzeug die glitzernde Fläche, vom Golf von Siam bis hin zur Hauptstadt Saigon. Die Kanäle, die verästelten Flußarme, die Dörfer und Weiler und Baumgruppen wirken ein unregelmäßiges Muster auf den spiegelnden Untergrund. Hier und dort ragen nur noch Wipfel, nur noch Dächer aus dem Wasser. Kurz vor dem Ende der Regenzeit ist der Fluß weit über seine Ufer getreten, hat Hunderttausende obdachlos werden lassen und einen guten Teil der Reisernte vernichtet. Für Vietnam bedeutet das den nationalen Notstand.

Aber die Wasser des Mekong verlaufen sich bereits wieder, und es fehlt nicht an hilfreichen Samaritern. Die eigene Bevölkerung hat Millionen Piaster gespendet, und das befreundete Ausland knausert gleichfalls nicht (auch die Bundesrepublik ist mit einem Katastrophenbeitrag von 100 000 Mark eingesprungen). Mit diesem Notstand werden die Vietnamesen schon fertig. Es sind also nicht die Fluten des Mekong, die die Fundamente der südvietnamesischen Republik unterspülen. Die wahre Katastrophe droht von anderwärts – von jener roten Flut, die sich mit zunehmender Gewalt aus dem kommunistischen Norden über ‚das Land ergießt. Schon beben an allen Ecken und Kanten die Dämme, schon bersten die Deiche. Es fruchtet wenig, daß hier mit ’Faschinen geflickt und dort mit Sandsäcken ausgebessert wird; zu schwach sind dazu die Kräfte, zu zahlreich die Gefahrenstellen. Und außerdem sickert die rote Flut in ansehnlichen Rinnsalen auch unterirdisch ein. So steigen denn die Wasser ständig weiter an. Die rote Flut steht den Vietnamesen heute schon bis zum Hals.

Wird es Vietnam am Ende genauso ergehen wie Laos? Wird auch dieses Land aus der Erbmasse Französisch-Indochinas erst dem Chaos und dann dem Kommunismus anheimfallen, weil es seine inneren Abwehrkräfte nicht energisch genug mobilisiert und weil der Westen wieder einmal zu spät und zuwenig hilft? Ich habe mich lange mit dem Präsidenten von Vietnam, Ngo Dinh Diem, und einer Reihe seiner engsten Mitarbeiter unterhalten, bin im guerrilla-verseuchten Delta gewesen und habe auch das Kampfgebiet im gefährdeten Hochland von Zentralvietnam besucht. Nach allem, was ich dabei sah und hörte, habe ich nicht mehr den geringsten Zweifel: Südostasien droht Gefahr, und es bleibt nicht mehr viel Zeit, sie abzuwenden. *

Während Europa in den vergangenen Monaten wie gebannt auf den Krisenherd Berlin starrte, während die Amerikaner Untersuchungskommission auf Untersuchungskommission nach Saigon schickten (die Mission General Taylors war die sechste seit dem Amtsantritt Kennedys), während Unsicherheit und Unentschlossenheit die westliche Asien-Politik bestimmten, haben die Kommunisten in Vietnam lautlos den Aufmarsch für ihr nächstes Unternehmen großen Stils vollendet. Gleichsam hinter dem Rücken des Weltbewußtseins sind sie in ihre Ausgangsstellungen eingerückt – in die Weiler des Deltas, in den Bambusdschungel der Plaine de Jones, in die "schwimmenden Wälder" der Küstenmarschen und vor allen Dingen in den Urwald des kühlen Hochlandes. Zwischen 20 000 und 25 000 Vietcong-Partisanen stehen heute in Vietnam zum Schlag bereit, mehr als doppelt so viele wie vor einem halben Jahr. Sie sind gut ausgerüstet, erhalten über die Dschungelpfade aus Laos und Kambodscha ständig Nachschub und Verstärkung und operieren nicht mehr ausschließlich in kleineren Verbänden, sondern seit einiger Zeit auch in Einheiten von Bataillons- und Regimentsstärke.