Von Ludwig Marcuse

In dem weiten Bezirk zwischen Moralischem und Ästethischen gibt es viele unerforschte Enklaven. Dessen wurde man nicht selten gewahr während der großen Prozesse um anstößige Kunst – einen Augenblick lang, und ebenso schnell war alles wieder versunken. Denn die Betroffenen hatten kein Interesse an der Klärung: Die einen wollten nur verbieten, die andern nichts als das angeklagte Werk dem Ankläger entreißen. Die Denkungsart hüben und drüben blieb unentfaltet – auch wenn eine ganze Woche geredet wurde.

So rettete man Bilder und Bücher, die wegen Gotteslästerung, Unanständigkeit oder anderer gewagter Inhalte angezeigt worden waren, immer wieder mit dem in Ehren ergrauten Vorurteil: "Unmoralische Kunst gibt es nicht." Das war die Generallinie im "Bovary"-, im "Reigen"-, im "Lady Chatterley"- Prozeß. Mit dieser Maxime wurden Dichter und Literatur-Kritiker Experten in moralibus.

Wer ganz gebildet war, zitierte gern noch das festliche Wort Kaloskagathos. Wie immer die Griechen diese zwillingshafte Verbundenheit von Gut und Schön gemeint haben mögen – diese schlichte Partnerschaft, als handele es sich um zwei Kompagnons einer weltberühmten Firma, der Halske ist nicht ohne den Siemens zu denken, ist schlicht falsch.

Wer nicht bereit ist, diese traurige Einrichtung der Welt, die Möglichkeit einer Diskrepanz, zu akzeptieren, denke wenigstens über Thomas Manns Worte nach: es sei eine "vorgefaßte Meinung", zu behaupten, "Literatur und Fortschrittlichkeit seien identisch"; und er fügte hinzu, "daß man mit dem größten Talent, mit dem erdenklichsten Witz und Glanz den Lobredner der Inhumanität, des Henkers, des Scheiterhaufens, der Inquisition, kurz dessen machen könne, was Fortschritt und Liberalismus das Reich des Untergangs nennen". Mit dieser Einsicht ist der Versuch, ästhetisch zu retten, was man moralisch verurteilt, erledigt.

Wann, weshalb versuchte man es? Man ist zu gebildet, um Ovid, Apulejus, Petronius, Rabelais, Shakespeare vor Gericht zu ziehen. Wer noch nicht so hoch über den Wolken schwebt, ist eher dem Zugriff ausgesetzt. Aber wenn man Henry Miller nicht will, muß man auch Grabbe verstoßen. Wenn ein gotteslästerliches Poem dieser Tage verurteilt wird, soll man auch die entsprechenden Bücher Nietzsches verbrennen. Um dieser Peinlichkeit zu entgehen, verkündete man die Identität von Kunst und Moral. So sagte Emil Orlik einmal: "Ein Beischlaf, von Rembrandt gezeichnet, ist ein moralisches Kunstwerk." Man ist verblüfft und fragt: Wie hat Rembrandt den Beischlaf moralisch gemacht – und was war er vorher?

Dieses Dogma Kunst-macht-moralisch ist Teil einer Theorie: daß ästhetische Distanz jeden irdischen Vorgang, jedes Wort für Irdisches sublimiere; auf gut deutsch: seiner vitalen Kraft beraubt. Man nennt diese Transposition auch Veredelung. Sogar Freud der in seinen ästhetischen Arbeiten nie die Herkunft der Künste aus dem Triebbereich verleugnete, sah nur ihr Dämpfendes. Und seltsamerweise war es gerade Platon, der mehr die Triebstärkung der Kunst beachtete.