Kaum waren die ersten beiden Bände der Zeitschrift "Athenäum" erschienen (man schrieb das Jahr 1800), da wurden schon ärgerliche Stimmen laut, die man immer zu hören bekommt, wenn die Kunst neue Wege beschreitet. Den Mitarbeitern der Zeitschrift, jungen, ironisch-melancholischen Schriftstellern, die – der Vollendung der Klassik überdrüssig – aufgebrochen waren, um in der Unendlichkeit eine blaue Blume zu suchen, warf man kurzerhand vor, ihre Arbeiten seien ganz und gar unverständlich. Einer von ihnen, der achtundzwanzig Jahre alte Friedrich Schlegel, schrieb daher für den dritten Band des "Athenäums" einen Aufsatz "Über die Unverständlichkeit", in dem es heißt:

"Alle höchsten Wahrheiten jeder Art sind durchaus trivial, und eben darum ist nichts notwendiger, als sie immer neu, und womöglich immer paradoxer auszudrücken, damit es nicht vergessen wird, daß sie noch da sind, und daß sie nie eigentlich ganz ausgesprochen werden können."

Wenn ein einziger Satz aus einem literarkritischen Essay als genial bezeichnet werden kann, dann wohl dieser, der übrigens selber ein Paradoxon ist. Rousseau meinte, Paradoxa seien große Wahrheiten, die hundert Jahre zu früh erscheinen. Tatsächlich hat Schlegel mit diesem Ausspruch nicht nur das Wesen der Literatur schlechthin angedeutet, sondern zugleich auch den Weg gezeigt, den die Kunst in unserem Jahrhundert gehen sollte.

Um der Wirklichkeit willen fliehen die Surrealisten ins Überwirkliche. Hemingway verschweigt Gefühle, um Gefühle zu provozieren. Brecht verfremdet das Leben, um es sichtbar zu machen. Das Theater des Absurden ist eine Herausforderung der Vernunft. Der Ausbruch des Wahnsinns in Becketts "Wir warten auf Godot" reizt den Sinn. Die Entstellung des Menschen in der modernen Literatur dient seiner Darstellung. Der junge Friedrich Schlegel hat es gewußt, denn er erkannte das uralte Grundprinzip: Kunst ist Provokation.

Der angeführte Satz aus dem Jahre 1800 macht zugleich die wesentliche Ursache des Untergangs der Kunst in der heutigen Welt zwischen der Elbe und dem gelben Meer deutlich. Nach Ansicht der dortigen Machthaber ist der Schriftsteller keineswegs dazu da, "alle höchsten Wahrheiten jeder Art", so trivial sie auch sein mögen, "immer neu, und womöglich immer paradoxer auszudrücken". Er darf seine Umwelt weder durch den Inhalt noch die Form seines Werks provozieren. Was soll er also? Zu dieser Frage hat sich ein Autor geäußert, der sowohl den Kommunismus als auch die Literatur gut kannte:

"Der Dichter ist auch ein Mensch, zunächst und vor allem, sollte man meinen, aber manche Leute wollen diese ‚menschliche Tatsache‘ nicht wahrhaben. Sie wünschen zwar, daß der Dichter ein menschenähnliches Wesen sei, aber gewisse menschliche Eigenschaften entweder nicht besitze oder sie nicht zum Ausdruck bringe. So soll er nach dem Bild dieser Leute weder traurig noch gar verzweifelt sein, er soll lieben, aber mit Maß verheiratet sein und brave Kinder zeugen. Vor allem er selbst soll brav sein und bieder womöglich, höflich und zuvorkommend, Bedürfnisse befriedigen, Befehle erfüllen, das Denken anderen überlassen und das Denken dieser anderen eben poetisch illustrieren. Ein Illustrator also vor allem habe der Dichter zu sein, wünschen diese Leute, und ein Jodler. Aber der Dichter ist nun mal ein Mensch, ‚leider‘, und wenn es ihm nicht gestattet ist, ein solcher auch als Dichter zu sein, dann wird er im Fall, daß er sich diesen unmenschlichen Wünschen fügt, alsbald menschlich verkümmern, und auch seine ‚Illustrationen’ werden nur wenig taugen und kaum einen noch (menschlich) überzeugen..."

Wer schrieb wohl diese zornige Tirade? Ein bürgerlich-dekadenter, antisowjetischer Autor? Ein verbitterter kommunistischer Renegat? Nein, keineswegs. Zu finden sind diese Worte in dem Buch "Das poetische Prinzip" des Johannes R. Becher. Das Buch erschien im Ostberliner Aufbau-Verlag – freilich nicht im Jahre 1961, sondern 1957.

Marcel