Als Erfinder des modernen Tourismus haben die Engländer lange Zeit hindurch den Kontinentaleuropäer in Staunen versetzt. Nun läßt sich fragen, ob er noch immer Anlaß hat, über "den Engländer" zu staunen, so, wie es sein Vater und sein Großvater getan haben. Der Eindruck, den der englische Tourist im vergangenen Jahrhundert hinterlassen hat, war offenbar so stark, daß er heute noch wirkt. Jedoch – unter den vielen Engländern, die alljährlich, das kontinentale Europa besuchen, sind nun gar wenige Lords und Snobs zu finden. Der englische Durchschnittstourist unterscheidet sich vom Durchschnittstouristen aus anderen Ländern kaum und wird daher auch nicht sonderlich beachtet. Das Bild des typischen Engländers liefert jedoch nicht dieser Durchschnittsengländer, der jetzt in der Masse verschwindet, nicht also der Engländer von heute sondern immer noch der wohlhabende Engländer aus dem Zeitalter der Königin Victoria oder des Königs Edward.

Seit etlichen Jahren bin ich an einer altehrwürdigen Public School tätig. Sie ist eine der drei, vier besten Schulen in England. Zwar zählen wir höchstens ein halbes Dutzend Lords unter den Schülern, doch stammen die jungen Leute fast ausschließlich aus "guten Kreisen", aus Patrizierfamilien, aus dem Land- und Dienstadel, aus Akademikerfamilien. Mit einer mehr als fünf Jahrhunderte alten Tradition wäre diese Schule wohl die gegebene Brutstätte für den konventionellen typischen Engländer der ausländischen Karikatur. Doch obwohl diese jungen Leute noch immer dem Ideal des Gentleman huldigen, sind sie keineswegs unzeitgemäß: Die Jungen stehen nämlich mit beiden Füßen in der Welt von heute.

Für ihren aufgeweckten Ausblick auf die moderne Umwelt dürfte dies charakteristisch sein: Zwischen Schulexamen und Universität suchen sie fast ohne Ausnahme mit der aktiven, lebendigen, arbeitenden Welt in Berührung zu kommen. Für diese "Wartezeit" geben sie drei bis zwölf Monate dran. Sie suchen sich einen job. Dabei sind sie keine Spur zimperlich, fühlen sich nicht zu "fein", zu "vornehm" für eine jegliche Arbeit.

Bezeichnend für diese Tendenz ist die Art, wie die sechs Schüler, die im Schuljahr 1959/1960 eine meiner Klassen verließen, diese Wartezeit auszunutzen wußten: Simon C. arbeitete drei Monate lang in Kanada bei einem Bauunternehmen; Simon S.-P. verbrachte ein ganzes Jahr als Englischlehrer an einer Schule in Pakistan; Patrick ging auch nach Kanada und arbeitete eine Zeitlang als Pflegehilfe in einem Krankenhaus, wobei er die unerfreulichsten Arbeiten verrichten mußte; Charles und Julian hatten nur zwei Monate zur Verfügung, doch brachten sie es fertig, einen Monat lang in Wien eine Tankstelle zu bedienen. Es ist keine Übertreibung, zu behaupten, daß ein achtzehnjähriger Engländer, der nach Verlassen der Schule keine "unfeine" Arbeit verrichtet hat, sich nicht als "ganzer Mann" fühlte. Dazu schreibt mir Simon C.: "Wenn Ausländer behaupten, die Engländer verachteten die niederen Stände, so irren sie sich sehr. Die Anzahl der Engländer, die nach Abschluß ihrer Public School mit den Händen arbeiten, ist viel größer als die Anzahl der Italiener aus gleichem Milieu, die das tun."

Was für versteckte Triebfedern in der englischen Jugend hierbei mitspielen, kann hier nur angedeutet werden. Doch dürften auch diese kargen Beobachtungen genügen, um zu zeigen, daß der junge englische Gentleman von heute keineswegs unzeitgemäß und auch nicht weltfremd in seinen Ansichten und seinem Handeln ist, wenn seine Vorfahren es auch gewesen sein mögen. Im Gegenteil, des öfteren bemerkt er sogar, daß er fortschrittlicher und in seinen Umgangsformen ungezwungener ist, als sein Gegenüber im Ausland. So bemerkte der Sohn eines Großindustriellen mit Staunen, daß die Italiener "viel snobistischer sind als jegliche Engländer, die ich kenne". Ein anderer schreibt, daß es in einem englischen Büro viel unformeller zugehe als in einem deutschen. Ein dritter schreibt mir, er habe in Pakistan viel öfter seinen Smoking anziehen müssen als in England.

Es ist wohl so: Unzeitgemäß ist nicht der Engländer, unzeitgemäß ist das Bild, das sich Ausländer von ihm machen. Nicolas Sollohub