Werbung wirkt Wunder. Aber dennoch ist es ja wohl noch erlaubt, darüber verwundert den Kopf zu schütteln, daß man den Leuten erst eintrichtern muß, was sie haben möchten, anstatt daß sie selbst ihre Bedürfnisse kennen und ihre Wünsche von der Erfahrung bestimmen lassen. Jedenfalls ist Werbung heute eine Sache, die nicht nur Millionen Ausübende in Brot setzt, sondern auch Millionen von Konsumenten in Atem hält. Es ist eine Angelegenheit, die nachgerade Totalität ansteuert, dergestalt, daß bald niemand mehr weiß, ob er noch sein eigener Herr ist oder lediglich eine unbewußte Figurine auf der Allerweltsbühne des großen Werbetheaters. Den Erfolg zeigt die ständig aussteigende allgemeine Begehrlichkeit an.

Den Menschen, der mit dem Seinen zufrieden ist und der nicht mehr will, als er hat, gibt es schon kaum noch irgendwo; und wenn er hier oder da in einem verkümmerten Exemplar noch einmal vorkommt, so weckt sein Anblick keineswegs Gefühle der Hochachtung, sondern tiefes Mißtrauen in seine so geschickt versteckten, undurchschaubaren Erwerbs- und Erfolgsabsichten. Daß er gar keine haben könnte, ist undenkbar.

Indessen funktioniert der moderne Begehrlichkeits-Anreizungs-Apparat ziemlich reibungslos. Will doch ein gut unterrichteter Statistiker festgestellt haben, daß heute "die meisten Familiengespräche um die Frage kreisen, was man sich leisten und was man anschaffen kann". Da darf denn wohl angenommen werden, daß die Stunde des Werbefunks die Familienmitglieder jedesmal, um köstlichen Gedankenvorrat für die Gespräche des restlichen Tages bereichert, entläßt.

Da nun aber das Jugendalter normalerweise am allerbegehrlichsten ist und heutzutage im Familienrat eine gewichtige Stimme hat, geht die Werbung immer zeilbewußter darauf aus, den lebenshungrigen Nachwuchs in ihren Dienst zu spannen und gehörig "auszunehmen". Es ist dabei ebenso auf das eigene Taschengeld der Jugendlichen abgesehen wie auf deren Fähigkeit, die Eltern unter Druck zu setzen. Daraus wird auch gar kein Hehl gemacht – es ist ja gesetzlich dabei alles in Ordnung, soweit es sich nicht um direkte Geschäftsabschlüsse mit Unmündigen handelt. Wir meinen aber: Da es sich um Kinder handelt, haben wir alle die Verantwortung zu übernehmen. Der Ausspruch eines westdeutschen Werbebüroleiters, derbedauerte, daß "die Bedeutung der Jugendlichen als Konsumenten noch längst nicht in genügendem Maße untersucht und berücksichtigt worden sei", klingt beängstigend.

Es geht übrigens bei dieser Frage nicht in erster Linie um Probleme der juristischen Zuverlässigkeit. Es geht vor allem um moralische und erzieherische Bedenken. Darum erscheint sogar jene – oberflächlich gesehen harmlose – Form der Ausnutzung Jugendlicher für private Werbung anfechtbar, durch "Preise" und "Wettbewerbe" zum Kaufen zu verleiten. Die Frage, um die man sich kümmern muß, heißt: Soll man die natürliche jugendliche Begehrlichkeit anstacheln, um sie zu mißbrauchen? Vielleicht ist das bloß "Ansichtssache"?

Vielleicht aber auch weit mehr. Aber das ist natürlich nur ein menschlicher Gesichtspunkt. Nur?

a-th