Von Siegfried Schmidt-Joos

Bis auf den heutigen Tag hat die Kirche ihren Platz als sozialer Mittelpunkt der Negergemeinschaft erhalten können. Auch der frei gewordene Neger, der von den Plantagen in die unbarmherzige Welt der amerikanischen Riesenstädte verschlagen wurde, brauchte seine Kirche als festen Halt. Obgleich er vor dem Gesetz frei und gleichberechtigt war, blieb das Gefühl der Unbehaustheit und Fremdheit in einer Welt, die ihm nach wie vor die menschliche Anerkennung versagte. Hinzu kam das Erlebnis des sozialen Klassenunterschiedes innerhalb der Negergesellschaft selbst. Die Negergemeinden der Nordstaaten hatten zur Zeit des Sezessionskrieges bereits feste Gemeinwesen mit neuen Sitten und Gebräuchen gebildet und eine soziale Hierarchie entwickelt, die sich im Laufe der Zeit immer mehr festigt.

Diese Gesellschaft war in der Regel nicht bereit, den unbemittelten, von den Plantagen des Südens kommenden Proletarier mit offenen Armen aufzunehmen. Er blieb in den Kirchen der Nordstaaten, deren religiöses Zeremoniell nicht selten völlig nach europäischen Vorbildern ablief, der Fremdling. Entsprechend bildeten sich zwischen 1865 und der Gegenwart in den großen Städten eine Vielzahl kleiner Kirchen und neuer Sekten, die sich des einfachen Mannes aus dem Süden annahmen. Gewöhnlich waren es nicht theologische Gründe, die zu solchen Kirchengründungen oder Spaltungen führten, sondern Gründe fast familiärer Natur: Ein Prediger machte sich selbständig und begründete eine eigene Gemeinde; er hatte sich mit anderen Predigern überworfen oder war eine zu starke Persönlichkeit, um sich anderen unterordnen zu wollen. Da die meisten dieser kleinen Splitterkirchen in Ladengeschäften oder in Wohnhäusern eingerichtet wurden, nannte man sie bald storefront churches, Ladenfassaden-Kirchen. Hier wurde das Gefühl der Einsamkeit des einzelnen in der gleichen Form der Ekstase überwunden wie in den alten rural churches der Plantagengesellschaft. Die Gospel Songs stießen hier auf fruchtbaren Boden.

Tag und Nacht geöffnet

Erhebungen, die zwischen 1933 und 1936 in den USA angestellt wurden, wiesen nach, daß es inzwischen weit mehr Negerkirchen in den Städten als in ländlichen Bezirken gab, und daß der Vergleich zwischen der Zahl der schwarzen und der der weißen Kirchgänger eindrucksvoll zugunsten der Neger ausfiel. In sieben Städten des Südens wurden 1933 1075 Kirchen mit einer Mitgliederzahl von 263 122 – oder 245 je Kirche gezählt. Benjamin E. Mays und Joseph W. Nicholson schlossen in ihrem Buch "The Negro’s Church" dieser Erhebung die Feststellung an:

"Wenn die weiße Bevölkerung von Atlanta proportional ebenso viele Kirchen hätte wie die Negerbevölkerung, dann gäbe es im weißen ’Atlanta 386 Kirchen und nicht nur 136. Hätten umgekehrt die Neger nur so viele Kirchen wie die Weißen, dann wären es 68 und nicht 184."

Ähnlich ist das Verhältnis in den Nordstaaten. Allein die Baptisten verfügten 1936 dort über 2357 Kirchen, davon 1822 in den Städten. Mays und Nicholson kommen in ihrem Buch zu der Folgerung, die Negersiedlungen der USA seien overchurched. In Harlem oder dem großen Negerviertel an der Südseite Chikagos gibt es heute mehr Kirchen als in jeder anderen Stadt der Welt, Jerusalem und Rom eingeschlossen. Rechnet man alle Kirchen und alle Sekten zusammen, so verfügten die Negergemeinden der USA im Jahre 1936 über 35 370 Kirchen mit 5 176 337 Mitgliedern.