Über dem seit; anderthalb Jahrzehnten schwe ; - landen Gegensatz zwischen deutschem West und Ost, dessen Tragik unserer Literatur auf lange keinen ;die Augenblicksbedrängnis überdauernden künstlerischen Antrieb zuführen dürfte, ist der andere, der anderthalb Jahrhunderte alte Gegensatz in der Versenkung verschwunden, dem das deutsche Schrifttum einst seine Überfülle verdankte — jenen dichten Baumwuchs, dessen Schlagschatten nun wieder, länger und länger werdend, in unsere mit allem Komfort behaftete, ansonsten aber karg versehene Gegenwart zu fallen beginnt: der Gegensatz zwischen Nord und Süd. Auch dieser unnatürliche Bruch, zwischen Deutschland und Österreich, begann als ein unseliges Politikurn, setzte aber bald eine reiche kulturelle Patina an und war seit je mehr ein Neben einander, ja Durcheinander, als ein Gegeneinander; mehr ein Geplänkel als ein Zwist, in dem sich Hochmut und Hochachtung, Eigensinn und Familiensinn schöpferisch kreuzten: ein Verhängnis für manchen großen Einzelgänger, aber ein Segen für das Gesamtschaffen. Es ist fast zweihundert Jahre her, seit der genialisch hellsichtig wirre Wilhelm Heinse, ein Beatnik des Rokokos, schreiben konnte:"Was in Wien gefällt, wird in Berlin verachtet, uiid umgekehrt; außerdem ist gar keine Republik, wo wahrer Geist der Freiheit und Drang in Geschäften herrschte Nun, darüber läßt sich streiten, nicht aber über seinen Zusatz: "Daraus entsteht, daß wir Welsche, Franzosen und Engländer mehr als uns sshätzen und folglich auch deren Werke.

Wir haben nun lange genug mit fremden Götzen Unzucht getrieben und um ihre tönernen Füße einen einträglichen Tantiementanz aufgeführt. Aber wenn nicht alle Zeichen trügen — so sehr auch die Zeichendeuter trügen — nähern wir uns allgemach dem Wendepunkt, wo die Verausländerung des Büchermarktes nur noch dem Um| unterstützt vom Johannischen Chor in B | derselbe Schauspieler spricht Gedichte von g | mophon Gesellschaft 18 727, 18 729, | satz dient und nicht der Schätzung. Seit ein paar Jahren erleben wir, als erbaute Leser und zufriedene Käufer solider Ware, eine neue Welle von Ausgrabungen, Wiederentdeckungen und Gesamtausgaben, zu denen es ihre Autoren zeitlebens niemals gebracht haben; und es ist nur recht, wenn auch nicht billig, ein Wiedersehen, sagen wir, mit Georg Heym oder Grabbe, mit dem literarischen Expressionismus oder Jean Paul zu- feiern; von den spärlichen Lorbeeren, mit denen sich unser Literaturhandel bedeckt, gebührt ein ganzer Zweig dieser Besinnung auf das Vergangene. Man trägt wieder Patina.

Gewissermaßen war es gerade das, die Patina, was die österreichische Literatur von Anbeginn in die deutsche eingebracht hat: beileibe nicht im Sinne von Tradition und historischem Bewußtsein und alter Kultur — so übermäßig auch die repräsentativen Österreicher das alles ständig im Munde führten, wenn sie etwas Neues zu vertreten hatten. Nein, es war sozusagen ein nie verhallendes Echo, als hätte selbst das Neueste, das aus Österreich kam, dort immer schon Vorläufer gehabt; es war wie ein. Nachklang von Bretterbühne, spanischem Hofzeremoniell und Leierkasten; wie die nachgedunkelte Farbe eines verschollenen Urbilds; es war ein geschichtsträchtiger Tonfall bis in den Dialekt hinein; die unwiderstehliche Luft einer Landschaft, die in den Herrensitz wie in die Dachstube wehte; all das, immer gleich und immer neu abgewandelt, mengte sich in die Herbheit der geschäftigeren nördlichen Nachbarschaft und wurde dort, in arger Verkennung, als österreichischer Charme angesprochen. Ein hohles Klischee, diese österreichische Liebenswürdigkeit: die bissigsten Spötter und dis grämlichsten Grübler der deutschen Literatur waren Österreicher. Nein, es war nicht diese Kultur selbst, was so unverkennbar wirkte, sondern der Rahmen, der sie umzwang, auch wenn sie aus ihm zu fallen schien: diese. Einfassung von ausladendem, etwas säuerlichem Barock und hektischer Gotik, bäurischer Störrigkeit und ahnungslosem Spießertum, umgeben von einer Landschaft, weich und wild, unheimlich und gemütlich zugleich. Das prägte diese aus vielen Gegensätzen, und nur durch sie, einheitliche Kultur. Und noch eines kam hinzu — wie soll man es nur ausdrücken? — ihre Schmackhaftigkeit. Es war Barock und Kaiserschmarren.

So nennt ein alter Österreicher sein neues Buch über das alte und das neue — also, sagen wir lieber: das heutige Österreich, denn das Neue in Österreich ist heute nicht mehr österreichisch — Erik G. Wickenburg: "Barock und Kaiserschmarren", mit Illustrationen von Eugen Ledebur; Längen Müller Verlag, München; 432 S , 12 80 DM.

Die scheinbar absurde Gegenüberstellung im Titel hat schon ihre Richtigkeit, denn in Österreich konnte bekanntlich nur vorkommen, was nicht möglich war; aber es ist etwas Fatales dabei, denn das Buch empfiehlt sich — nicht nur durch den Preis — für den Fremdenverkehr, und da doch schon Barock so schwer zu definieren ist, wie soll man dem Ausländer einen Kaiserschmarren begreiflich machen? Schlimmstenfalls hat er gehört, daß ihn etwas einen Schmarren angeht; bestenfalls hat er den Ausdruck auf einer Speisekarte gefunden. Es ist — erraten! — eine "Mehlspeis", ein süßes Gericht aus den simpelsten Zutaten und rötlichen Zibeben (mit denen Christian Morgenstern die Möwe Emma fütterte), alles in großer Hitze wild durcheinander gerührt, aber dennoch mit leichtester Hand, damit es sanft die Gurgel hinuntergeht und nicht im Magen liegen bleibt —r ganz genau so war es einst, unter dem alten Kaiser, bei dem ewigen Durcheinander der Nationalitäten seiner Monarchie. Und darum ist er in der Tat ein Wahrzeichen Österreichs, weit mehr als das Barock, das keine Spezialität und nicht einmal eine überwältigende Attraktion des Landes ist; schade, daß in Graf Wickenburgs Buch der Kaiserschmarren eher zu kurz kommt.

Sein Herz gehört offensichtlich seiner salzburgischen Heimat, und so wird es einem mitunter ganz erzbischöflich barock vor den Augen. Aber Salzburg war nun einmal die erste Festspielstadt der Welt (deren künstlerischer Abstieg fein unangedeutet bleibt), und der Autor sieht sogar ihren geistigen Urheber, Hofmannsthal, mit Salzburger Augen, und dadurch verzeichnet er ihn — was man zuweilen auch den herzlich unösterreichischen Illustrationen nachsagen kann Überhaupt lodkt ihm gerade die Landschaft und die Baukunst seine vorzüglichsten Schilderungen ab; zu kurz kommt der Dialekt, wohl der klarste Ausdruck, ja geradezu die Ursache des österreichischen Charakters — und dieser selbst. Vielleicht hat da der Autor in den vielen Jahren als Redakteur einer großen Zeitung in Deutschland etwas an Einfühlung eingebüßt, wie übrigens auch an österreichischem Humor, statt dessen er manchmal einige liebenswürdige Gemeinplätzchen auf der Zunge zergehen läßt. Aber das alles ist nicht mehr so schmerzlich, seit die österreichische Kultur selber ihre Muttersprache verlernt hat.

Der österreichische Charakter — er war immer eine Sammlung von Charakteren, gern Originale genannt, und Charakterlosigkeiten, namentlich in der Politik, und ein solches Original feiert soeben etwas stark beweihräucherte Urständ — Peter Altenberg: "Das Glück der verlorenen Stunden", Auswahl aus dem Werk, herausgegeben von Wolfgang Kraus; Kösel Verlag, München; 342 S, 18 50 DM.