Obwohl die Geschäftsausweitung und die dadurch bedingten Investierungen innerhalb der westdeutschen Industrie sehr erhebliche Mittel erforderten, zeichnen sich die Bilanzen der meisten Gesellschaften durch eine beachtliche Liquidität aus. Auf der Passivseite haben die Aktienkapitalien bei einer erheblich größeren Zahl von Gesellschaften als im Vorjahre zugenommen, aber dabei handelt es sich zum überwiegenden Teil um einen buchtechnischen Vorgang. Die Kapitalerhöhungen wurden den Gesellschaftsmitteln entnommen, hauptsächlich den Rücklagen, die man im Vorjahre oft unter Auflösung von Rückstellungen und stillen Reseryen gebildet hatte.

Die echten Kapitalerhöhungen halten sich in engen Grenzen, und bei der Festsetzung der Emissionskurse war man noch stärker als in den beiden Vorjahren auf eine kräftige Kapitalzufuhr bedacht, ohne daß dadurch die Dividendenbelastung anwuchs. Die allgemeine Börsenlage kam diesem Bestreben nach einer verstärkten Finanzierung durch Aktien-Emissionen zu höheren Kursen sehr entgegen. Nicht wenige Firmen nutzten diese Chance dazu aus, durch Begebung von verhältnismäßig kleinen Aktienpaketen zu Kursen bis zu 800 vH und mehr ihre Kapitalbasis erheblich zu verbreitern und sich die notwendigen finanziellen Mittel für die Geschäftsausweitung zu besorgen.

Bei den Veränderungen der Rücklagen laufen demnach zwei Entwicklungen gegeneinander. Bei einem Teil der Gesellschaften sind die Rücklagen als Folge der Kapitalübertragungen auf die Aktienkapitalkonten rückläufig, wobei jedoch in fast allen Fällen bereits ein Teil der Entnahmen wieder aufgestockt werden konnte. Bei einer anderen Gruppe stammen die teilweise sprunghaften Erhöhungen der Rücklagen aus dem Aufgeld bei den Kapitalerhöhungen. Sie stellen damit keinen finanziellen Beitrag aus eigener Kraft dar, sondern eine besondere Art der Fremdfinanzierung.

Man wird diesen Unterschied bei der Betrachtung der einzelnen Abschlüsse sehr genau beachten müssen, weil bisher die Rücklagenbildung mit Recht als ein besonderes Kennzeichen der Eigenkapitalbildung angesehen werden konnte. Auch das für die Abschlüsse zum 31. Dezember 1960 erstmals anzuwendende neue Schema der Erfolgsrechnung dürfte dazu geführt haben, daß die Ausweisungen von neuen Rücklagen größer gewesen sind als im Vorjahre. Manche Beträge, die damals auf dem Wege der Saldierung zur Bildung von stillen Rücklagen verwendet werden konnten, mußten jetzt der offenen Rücklagenbildung zugeführt werden. Insgesamt kann festgestellt werden, daß die tatsächliche Rücklagenbildung bei vielen Gesellschaften nicht ohne weiteres aus dem Vergleich der Bilanzausweisung für die beiden letzten Jahre zu ersehen ist. Insgesamt dürfte die echte Rücklagenbildung gegenüber den Vorjahren zurückgegangen sein. Dies gilt um so mehr, als wiederum beachtliche Beträge, die in früheren Jahren erfolgsneutral verbucht werden konnten, nunmehr in die Rücklagen eingeflossen sind. Das Ausmaß der Rücklagenbildung ist stark abhängig von der Kapitalintensität der Betriebe.

Demgegenüber hat die Bildung von Rückstellungen überwiegend wieder kräftig zugenommen. Es handelt sich hierbei um die natürliche Folge der jüngsten Wirtschaftsbelebung; denn im Jahre 1960 sind von den Produktionsgüterindustrien wieder die ersten Großaufträge fertiggestellt worden, womit eine entsprechende Bildung von Rückstellungen verbunden war. Die stark unterschiedlichen Ausschläge erweisen sich wiederum als ein besonders zuverlässiges Spiegelbild der Wirtschaftsentwicklung. Dies gilt insbesondere, wenn man den wieder verstärkten Einfluß der Steuerrückstellungen berücksichtigt. Sicherlich haben viele von der Konjunktur begünstigte Unternehmen neue Steuerrückstellungen vorgenommen, aber sehr deutlich ist auch in einigen weniger begünstigten Industriezweigen zu erkennen, daß die Steuerrückstellungen niedriger geworden sind, nachdem die Ertragsspanne zusammengeschrumpft ist.

Die Inanspruchnahme langfristiger Kredite hält sich in engen Grenzen, weil die allgemeine Kapitalmarktlage eine derartige Kreditaufnahme wenig zweckmäßig erscheinen ließ. Lediglich im Zusammenhang mit einigen Großinvestitionen sind Steigerungen zu verzeichnen, aber auch bei nicht wenigen Gesellschaften hat man die verhältnismäßig hoch verzinslichen Kredite früherer Jahre gern getilgt. Der Finanzbedarf konnte in ausreichendem Maße aus kurzfristigen Kreditquellen gedeckt werden.

Ziemlich allgemein sind die Verpflichtungen aus Warenlieferungen und Leistungen gegenüber dem Vorjahre gestiegen, jedoch bleibt die Steigerung durchweg hinter der Zunahme der Vorräte und der Außenstände zurück. Auch die Wechselverpflichtungen sind nach den großen Rückgängen der Vorjahre wieder etwas stärker gewachsen. Jedoch zeigen die einzelnen Branchen und innerhalb der Branchen die einzelnen Gesellschaften teilweise stark unterschiedliche Veränderungen. Dies gilt in besonderem Maße noch für die Bankverpflichtungen. Es fehlt nicht an Unternehmen, welche ihre Bankverpflichtungen weiter abbauen oder gar voll zurückzahlen konnten, demgegenüber sind andere neue Verpflichtungen eingegangen. Insgesamt ist das Verhältnis der eigenen Mittel und der Rückstellungen zu den gesamten Verpflichtungen weiter sehr gesund.