In unseren Erziehungsheimen sind gute Pädagogen rar

Von Heinz Stuckmann

"In unseren Erziehungsheimen spiegelt sich die Geschichte der Fürsorgeerziehung während der letzten fünfzig und der nächsten zwanzig Jahre wider." Das war das Resümee eines ersten Berichtes über die deutschen Erziehungsanstalten. Diese Heime werden von den zuständigen Erziehern geprägt. Was sind das für Pädagogen? Und was haben die Jugendlichen "verbrochen", die in solche Anstalten eingewiesen werden? Mit diesen beiden Fragen beschäftigt sich der zweite Bericht von Heinz Stuckmann.

Im Fürsorge-Erziehungsheim Johannisburg im Börgermoor beobachtete ich einen Ringkampf. Zwei in der Turnhose wälzten sich auf der großen Wiese hinter dem Hauptgebäude. Ein paar Dutzend Jungen standen um die beiden herum. Ein paar brüllten: "Buh!" Die meisten schrien: "Gib’s ihm!" Ihre Sympathien galten eindeutig dem weitaus Kräftigeren. Dieser hatte denn auch den anderen in der zweiten Runde nach allen Regeln auf den Rücken gelegt. Wie männlich diese Jungen heute schon aussehen können, dachte ich: Der Sieger wirkte fast wie ein Erwachsener.

Dieser Sieger begegnete mir eine halbe Stunde später. Er trug die Kleidung der Patres, die in jenem Heim Erzieher sind. Und ein Junge sagte mir: "Das sind ja alles Schwarze hier." In der Modulation des Wortes "Schwarze" lag das Mißtrauen einer ganzen Generation gegen die Kirche. Aber er fügte hinzu: "Trotzdem sind die alle ganz in Ordnung." Es klang recht verwundert.

Den letzten Kommißgesang hörte ich im Erziehungsheim Freistatt.Die Kolonne der Zöglinge sang: "Das war ein Edelweiß..." – "Rechts schwenkt marsch!" kommandierte der gestiefelte Erzieher am Ende und dann: "Lied aus...!" Der Gesang verstummte abrupt. Schweigend zogen sie vor die Unterkunft. "Abteilung halt...!" Selbst das Wegtreten in die Unterkunft erinnerte an die Militärzeit.

Ein Junge erzählte: "So ein Marsch mit Gesang – das ist noch das Schönste. Hier gibt es nur Drill und Arbeit und Gottesdienst. Es ist die Hölle. – ..." Ich erfuhr, daß die Jungen nur ein Ziel haben; So schnell wie möglich raus – so oder so. Und einer wählte dafür einen Weg, aus dem es kein Zurück mehr gibt; Er sprang im dritten Stock aus dem Fenster,