Wohnungsbauminister Lücke hat kürzlich eine neuartige Finanznierungsaktion angekündigt, um endlich etwas gegen die schon notorische Wohnungsnot junger Ehepaare zu unternehmen. Anfang nächsten Jahres will nämlich das Ministerium aus Haushaltmitteln 30 Mill. DM bereitstellen und mit diesem Betrag wohnungsuchenden jungen Eheleuten bei der Aufbringung eines Finanzierungsbeitrages – also eines Baukostenzuschusses, einer Mietvorauszahlung oder eines Mieterdarlehens – helfen. Diese Nachricht ist eine kleine Sensation, wenn auch nicht wegen des Umfanges der Maßnahme. Das Sensationelle der Ankündigung des Ministeriums liegt vielmehr in derTatsache, daß man sich in Bonn überhaupt und erstmals entschlossen hat, auch gegen die Wohnungsnot solcher jungen Ehepaare etwas zu unternehmen, die nicht gerade Reflektanten auf ein Familienheim sind.

Nachdem man in Bonn mit der bisherigen "Aktion Junge Familie" mehr einem propagandistischen, denn einem sachlichen Bedürfnis Tribut gezollt hat, will man jetzt offenbar einen Weg beschreiten, den einige Bundesländer – vor allem Hamburg und Berlin und neuerdings auch Hessen – schon vorangegangen sind. Diese Länder hielten besondere Finanzierungshilfen für junge Ehepaare deshalb für notwendig, weil die Wohnungsnot junger Familien von der Förderungssystematik des Zweiten Wohnungsbaugesetzes kaum erfaßt wird. So ausgeklügelt das Filigranwerk der Rangfolgen und Sondervergünstigungen ist, für junge Familien sind die Maschen dieses Gesetzes zu weit: Das Gesetz kennt einen allgemeinen Vorrang für Familienheime, aber junge Ehepaare wünschen sich in aller Regel und aus vernünftigen Gründen zunächst meist eine Mietwohnung.

Es ist klar, daß die heute 20- bis 30jährigen nicht mehr unter die bevorzugten Gruppen der Kriegerwitwen und Schwerkriegsbeschädigten fallen. Sie werden gewöhnlich keine Ansprüche an den Lastenausgleich mehr zu stellen haben. Natürlicherweise zählen sie nicht zu den Kinderreichen. Da meist beide Ehepartner gemeinsam verdienen und zusammen sicherlich mehr als 300 DM nach Hause bringen, zählen sie auch nicht zu den Wohnungsuchenden "mit geringem Einkommen". Mit anderen Worten, sie sind "Normalverbraucher", sie stehen am Ende der Schlange. Sie müssen sich selber helfen, und das bedeutet auch heute noch Mietvorauszahlungen, Baukostenzuschüsse, vielleicht auch Phantasiemieten – Belastungen jedenfalls, die die Finanzkraft der jungen Ehepaare meist stärker beanspruchen, als im Interesse einer wirtschaftlichen Konsolidierung des jungen Hausstandes gut ist.

Natürlich ist dieser Sachverhalt auch im Bonner Wohnungsbauministerium nicht unerkannt geblieben. Das Ministerium hat deshalb schon vor Jahren mit beträchtlichem publizistischen und durchaus ansehnlichem finanziellem Aufwand eine "Aktion Junge Familie" gestartet, von der allerdings die Auguren wissen, daß sie nur in Glücksfällen diesem Personenkreis zugute kommt. Im Rahmen dieser Aktion übernimmt der Bund für ein Darlehen von 4000 DM sieben Jahre lang bis zur Höhe von 6 vH den Zinsendienst. Durch diese Zinssubvention mögen seit 1959 vielleicht an die 200 Mill. DM auf dem Kapitalmarkt mobilisiert worden sein.

Aber obwohl die Aktion den Namen "Junge Familie" trägt, ist dieser Begriff in den Darlehensrichtlinien nicht definiert. Einzige Voraussetzung ist, daß der Kreditnehmer verheiratet ist und kein Familienzusatzdarlehen nach dem Zweiten Wohnungsbaugesetz beansprucht. Da diese Zusatzdarlehen erst vom dritten Kind an gewährt werden, bedeutet das praktisch, daß jede nicht-kinderreiche Familie in den Genuß des Zinsgeschenkes kommen kann.

Unter diesen Bedingungen können neben anderen natürlich auch "junge Familien" die verbilligten Kredite bekommen, aber die Darlehen sind ausschließlich dazu bestimmt, eine etwa noch vorhandene Finanzierungslücke beim Bau eines Eigenheimes zu schließen. Es ist vor allem diese Beschränkung der Aktion auf den Eigentumsgedanken, der eine Erreichung des vorgeblichen Zweckes unmöglich und für wirklich "junge Familien" die Aktion meist uninteressant macht.

Aus guten Gründen sind nämlich die wenigsten jungen Ehepaare bereit, sich durch den Bau eines Hauses fest an einen bestimmten Ort zu binden und sich mögliche Fortkommenschancen an anderer Stelle buchstäblich zu "verbauen". Zudem ist nach aller Lebenserfahrung die finanzielle Kraft eines jungen Paares vor der Eheschließung und in den ersten Jahren danach mit der Einrichtung und der Vervollständigung des Hausstandes voll ausgelastet. Nur die Kinder gut betuchter Eltern dürften im allgemeinen in der Lage sein, schon in den ersten Ehejahren mit dem Bau eines Hauses zu beginnen. Wenn also wirklich einmal junge Familien in den Genuß der Vergünstigung kommen, dann allenfalls solche, die ihrer am wenigsten bedürfen.