Man kann über Kestens Romane gar nicht streng genug urteilen" – meint Hermann Kesten in einer von der "Deutschen Zeitung" am 19. Oktober 1961 veröffentlichten Selbstanzeige seines neuen Romans "Die Abenteuer eines Moralisten" (Verlag Kurt Desch, München, 291 Seiten, 13,80 DM). In einem Aufsatz für die ZEIT fordert er, Buchkritiken müßten "schonungslos gegen Leser, Verleger, Autoren, ja, auch gegen den Kritiker selber" sein.

Es hat schon seine besonderen Gründe, wenn Kesten in letzter Zeit immer wieder um Strenge und Schonungslosigkeit bittet. Da der 1933 aus Deutschland vertriebene Schriftsteller sich um die Exil-Literatur in hervorragender Weise verdient gemacht hat und auch im letzten Jahrzehnt als Publizist und Anthologist Außerordentliches zu leisten, vermochte, halten es freundliche Rezensenten oft für angebracht, die nicht immer schmeichelhafte Wahrheit über seine literarischen Bemühungen erheblich zu mildern oder ganz zu verschweigen. Eine gewisse Rolle spielt wohl dabei auch der Umstand, daß Kesten, ein heftiger Diskutant, in jeglichen literarischen Fehden ein starker und gefährlicher Gegner ist. Es mag riskant sein, einen so harten Boxer herauszufordern, dem zuweilen auch Tiefschläge unterlaufen. Gleichviel, mit der Zeit hat man ihn zum Empfänger einer Höflichkeitsrente der deutschen Kritik degradiert. Ich glaube, daß derartige Renten auf lange Sicht zwecklos und im Grunde auch recht beleidigend sind. Ich bin dagegen, daß man Kesten beleidigt, ihn also mit jener barmherzigen Nachsicht behandelt, derer er nicht bedarf.

Über seine "Abenteuer eines Moralisten", denen der Norddeutsche Rundfunk schnellstens eine Sendung in der Reihe "Das Buch meiner Wahl" widmete, konnte man bereits in dem ambitionierten Literaturteil der "Deutschen Zeitung" lesen, sie seien "ein ausgezeichnetes Buch" und vielleicht einer der schönsten, aber ganz gewiß menschlichsten Romane dieser Saison". Mir scheint es hingegen, daß wir es mit einem herzlich schlechten Buch zu tun haben, über das man, wie Kesten so treffend selber sagt, "gar nicht streng genug urteilen" kann.

Erzählt wird das Schicksal eines deutsch-amerikanischen Literaturprofessors in den letzten dreißig Jahren. Auf seinem Weg, der vor 1933 in Berlin beginnt und über Paris nach New York führt, taucht immer wieder die gleiche Geliebte auf. Nach einem hübschen Anfang gibt es etwa fünfzig, sechzig Seiten, die einigermaßen lesenswert oder zumindest erträglich sind. Da findet man einige nicht reizlose erotische Momentaufnahmen, gut gezielte Seitenhiebe gegen kommunistische Intellektuelle und ein paar spaßhafte Aperçus. Da spürt man vor allem Kestens ungewöhnliches Temperament.

Aber je tiefer in den Wald, desto dunkler wird es. Über den Inhalt des Romans schrieb Kesten unter anderem: "Die Freundin des Helden verstrickt ihn in politische Morde und kriminelle Sexualaffären, bringt ihn ins Gefängnis und verführt ihn, um ihn ihrer Freundin. zu überlassen, die ihn wiederum verführt und betrügt, mit der Politik betrügt, die erste Freundin führt die zweite unwillentlich in den Tod." Wahrlich, es spielt sich viel ab.

Messerstechereien und Attentate werden geboten, Flucht, Verfolgung und Erpressung. Plötzlich treten zwei maskierte Männer hinter einem Baum hervor. Es gibt durchsichtige Morgenröcke, lachsfarbene und schwarze Höschen, Frauen, die sich bei verschiedenen Gelegenheiten unaufgefordert ausziehen. Eine kleine Stilprobe: "Sie waren stumm und ganz in sich versunken, mit bebenden Sinnen und schlafender Vernunft, als wären sie Gräser, die sich im Licht streckten und im Schatten bargen, als wären sie ein zweiter Teppich auf dem Fußboden..."

Nun könnte man sich mit einem nach solchen Effekten haschenden Roman mit zeitgeschichtlicher Kulisse eher abfinden, wenn er nicht, vor allem in der zweiten Hälfte, gar so langweilig wäre. Aber der Autor läßt seine Helden beiderlei Geschlechts bei allen passenden und weit öfter noch bei unpassenden Gelegenheiten ihre Ansichten über politische Themen, zumal über das "Dritte Reich", vortragen, wobei sie in der Regel lange Artikel von Hermann Kesten zum besten geben. Dies wäre noch kein Unglück, wenn es nicht die banalsten und die primitivsten Artikel wären, die er je geschrieben hat. Das künstlerische und das intellektuelle Niveau des Buches halten sich die Waage Als Kuriosum sei erwähnt, daß Kesten SS-Leute während einer grausamen und blutigen Yerhaftungsszene Ezra Pound ("auf englisch!") und Gottfried Benn ("Prosa aus dem Jahre neunzebnhundertdreiunddreißig!") lesen läßt...