Von Carola Stern

"Die im öffentlichen Dienst Tätigen sind Diener der Gesamtheit und nicht einer Partei."

(Aus Artikel 3 der DDR-Verfassung)

Vor ein paar Jahren unterhielten sich zwei Mitglieder des SED-Politbüros über die Chancen ihrer Partei bei freien Wahlen. Sie einigten sich auf acht bis zehn Prozent der Stimmen in der DDR. Selbst wenn dieser Prozentsatz heute etwas höher sein sollte, ändert dies nichts an der Tatsache: hier herrscht ein Regime mit ungefähr 1,5 bis 2 Millionen überzeugten Anhängern über 17 Millionen Menschen. Wie ist das möglich?

"Nur durch Terror!" sagt man gewöhnlich im Westen. Zwar ist der Massenterror die wichtigste Methode, um bolschewistische Herrschaft zu etablieren – die russische Oktoberrevolution bleibt das klassische Beispiel dafür – und um bolschewistische Herrschaft vor dem Zusammenbruch zu retten. Weder in Kronstadt und Lhasa, noch in Budapest und Ostberlin wäre die totalitäre Macht sonst erhalten geblieben. Aber Massenterror als einziges Herrschaftsprinzip ist ungeeignet, den totalitären Staat zu festigen und die bolschewistische Herrschaft zu vertiefen. Dazu gehört mehr!

Erstens müssen durch systematische Erziehung und politische Schulung möglichst viele Menschen überzeugt und zu freiwilliger Mitarbeit gewonnen werden. Die Überzeugten müssen als Elite in der Staatspartei organisiert und in alle Schlüsselstellungen gebracht werden. "Arbeit mit den Kadern", heißt das im Parteijargon.

Zweitens: Die Masse der zunächst Abseitsstehenden und Zweifelnden muß neutralisiert werden, Sie versucht man durch materielle Vorzüge, Beförderung, öffentliche Auszeichnung und ähnliche Anreize zur Mitarbeit zu gewinnen und sie zu funktionierenden Rädchen in der totalitären Maschine zu machen. Diese Bemühungen sind oft erfolgreich. Der natürliche Widerwille des Menschen, zum Märtyrer zu werden, sein Wunsch, angesehen zu sein und vorwärtszukommen und die Gewöhnung an moralisch verwerfliche, aber offenbar nicht zu ändernde Zustände – all dies erleichtert die "Neutralisierung" der Massen ...