Eine Gesellschaft, die sich vorgenomhat, einen "Geldverstärker" zu entwerfen, einen Apparat, der seinem Benutzer todsichere Börsentips gibt und ihn auch sonst in allen Finanzfragen besser berät als der beste Nationalökonom, eine solche Gesellschaft verdient gewiß Beachtung. Wenn man dazu noch erfährt, daß ihr namhafte Wissenschaftler angehören, Männer wie Gordon Pask, der Erfinder der elektronischen Lehrmaschine, die Neurologen Grey Walter und Ross Ashby, der Direktor der Hughes Flugzeugwerke John T. Petit und der Biologe Heinz von loerster, dann verblüfft es um so mehr, daß man bislang so wenig von jener ungewöhnlichen Organisation erfahren hat. Vielleicht aber ist es gut so, denn allzuviel Publizität würde ihren gelehrten Mitgliedern die Unbefangenheit nehmen, mit der sie ihrer Phantasie freien Lauf gewähren, abenteuerliche Pläne schmiecen und ihre halbgaren Ideen miteinander diskutieren.

Sehr viel Resonanz werden die Bestrebungen der ARTORGA – so heißt die Gesellschaft – ohnehin nicht finden können, denn die Sprache, mit der die Traumschlösser der Wissenschaft gebaut werden, ist für gewöhnliche Sterbliche nicht mehr verständlich. Die "Architekten" dieser Traumschlösser haben nämlich entdeckt, daß selbst die komplizierte Sprache der Wissenschaft als Baumaterial nicht mehr ausreicht. Daher versucht ARTORGA, – eine neue Symbolsprache zu schaffen, die einer Erweiterung unseres logischen Denkens angepaßt ist. In dieser Sprache sollen Gedanken sich nicht nur in Ketten aneinanderfügen lassen, sondern gewissermaßen in einem Netzwerk miteinander verknüpft werden können.

ARTORGA entstand im Winter 1958. Ihr Gründer, der sehr vitale und sehr reiche Geschäftsmann Oliver D. Wells, betreibt Wissenschaft als Amateur. Besonders hat es ihm die Kybernetik angetan. Sein Plan war, ein Gebilde zu schaffen, das sich wie ein biologischer Organismus entwickelt. Dieser künstliche Organismus ist ARTORGA. (Abkürzung für "ARTificial ORGAnism"). Seine Zellen sind die Mitglieder, und sein Kreislauf ist die lebhafte Korrespondenz, die die Zellen mit dem Nervenzentrum, Mr. Wells’ Hauptquartier im rhododendronbewachsenen Park von Beaulieu in Hampshire, führen. ARTOGAs Nahrung sind die Ideen ihrer Mitglieder. Ein Organismus, der von seinen Organen ernährt – und studiert wird!

Selbst Mr. Wells kann nicht voraussagen, was aus seinem Gebilde einmal werden wird. Indessen gibt es schon drei Jahre ARTORGA-Geschichte, und aus ihr läßt sich immerhin erkennen, wie es sich bisher entwickelt hat. Zunächst einmal ist der Organismus gewachsen – von einem Mitglied bis zu etwa 170 "Artogisten" in aller Welt. In monatlichen Rundbriefen hat man über die spleenigsten Ideen diskutiert: "Worte als Maschinenteile", "Entwurf eines künstlichen Phantasiegenerators" (eine Maschine, die originelle Gedanken formuliert) und "Die biologische Fabrik", die aus Zellmasse Bratwürste, Rosenkohl und Austernfleisch herstellt. Die Gründung einer Weltuniversität wurde angeregt und eine neue Psychologie entworfen, bei der man nicht mehr zwischen dem Individuum und der Umwelt unterscheidet. Besonders erhitzten sich die Federn der Schreibfreudigen unter ARTORGAs-Jüngern bei der Debatte über den "Geldverstärker". Auch er wird als Organismus aufgefaßt. Was läge näher, als den bereits bestehenden Organismus ARTORGA als Versuchskaninchen zu benutzen. Ein solches Experiment ist der Investment-Klub, zu dem ARTORGA vor etwa einem Jahr geworden ist. Mr. Wells steckt die Mitgliederbeiträge in Unternehmen, die den ARTORGA-Leuten gewinnversprechend erscheinen. Unternehmen, das versteht sich von selbst, die die Errungenschaften der Kybernetik in die Tat umsetzen, die Denkapparate herstellen oder sich jenen Forschungsgebieten widmen, in denen sich Biologie, Technik und Physik überschneiden.

Schade wäre es freilich, wenn ARTORGAs-Mitglieder das Investieren so wichtig nähmen, daß sie darüber ihr frisches Drauflosphantasieren, das Herumbasteln an skurrilen Ideen vergessen würden. Thomas v. Randow