Die geistlichen Gesänge der Neger

Der erste Platz, wo sich die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert als Sklaven nach Nordamerika geschleppten Neger frei wählten durften – lange, bevor sie durch Lincoln auch "juristisch" frei wurden –, war die Kirche. Hier beteten sie zusammen, hier aßen sie, feierten sie und sangen sie gemeinsam. Die eigenartige, immer ekstatisch gebliebene und das Leben überall kraftvoll durchdringende Religiosität erzeugte, nun verbunden mit Christentum und abendländischen Riten, im wörtlichen Sinne mitreißende Gesänge: die Spirituals, die selbst in ihren neueren, gebändigten Zeugnissen immer an die alten musikalischen Ausdrucksformen Afrikas erinnern. Aus ihnen entwickelten sich als weltliche Gegenstücke Blues und Ragtime und endlich der Jazz. Er wirkte später auf die "europäischer" gewordene Negerkirche zurück, und in den zwanziger Jahren bildete sich dann der Gospel-Gesang, in dem geistliche und weltliche Musik (mit ihren Tanz-Formen wie Blues und Boogie Woogie) sich verbanden. Diese Evangelienlieder, Gospel Songs genannt, sind im Grunde nur eine neue Art des Spirituals, in dem das Ekstatische der Frühzeit wieder wirksam wurde und die Negerkirche eroberte.

Diese faszinierende Entwicklung beschreibt Siegfried Schmidt-Joos ausführlich und mit einer ungewöhnlichen Klarheit im "Buch des Spirituals und Gospel Songs", das dieser Tage im Furche Verlag in Hamburg erschienen ist und dem wir den Auszug auf dieser Seite entnommen haben. Das Buch enthält ferner einen Aufsatz Hanns Liljes über "Das geistliche Lied der Neger" (Sklavendichtung und Glaubensgut), Originaltexte, übertragen und erläutert von Heinrich Hansen, ein kritisch kommentiertes Schallplatten – Verzeichnis, mehrere ausgezeichnete Photographien und eine Schallplatte mit musikalischen Beispielen. Das Werk dürfte zum Standardwerk über die geistlichen Gesänge der amerikanischen Neger werden.