Absatzsorgen zählen nicht – Expansion heißt die Parole

Von Ingrid Neumann

Wenn in diesen Tagen die Prominenz der westdeutschen Schwerindustrie zum Eisenhüttentag in Düsseldorf zusammenkommt, werden sich in den traditionellen Gedankenaustausch der Stahlmanager wieder einmal besorgte Untertöne mischen. Mit der Stahlkonjunktur steht es nicht zum besten, und wer für ein großes Hüttenunternehmen die Weichen zu stellen hat, findet sich heute vor mancherlei Problemen, deren Lösung sorgfältig erwogen und geprüft sein will. Die weitreichende Frage, welche Konsequenzen eine verantwortungsbewußte Unternehmensführung aus der offenbar recht nachhaltigen Marktftbschwächung zu ziehen hat, will beantwortet sein, und sie hat in den meisten Konzernverwaltungen auch schon tatsächlich eine Antwort gefunden. In dem Unterrichtsfach "Kurzfristige Marktanpassung" hat sich die Stahlindustrie nicht zum ersten Male als Musterschüler bewährt. Auch in diesen Wochen wird die Produktion bereits auf vielen Anlagen im Revier mit mehr oder minder starker Hand gedrosselt. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Wendigkeit diese gern als schwerfällig angesehene Industrie auf eine Marktschwankung reagieren kann. Die Kapazität wird heute im Revierdurchschnitt um 15 bis 20 vH unterschritten. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen; noch nicht alle Werke sind von der Notwendigkeit einer Produktionseinschränkung überzeugt.

Dünne Auftragsbücher

Diese Forderung ergibt sich jedoch bereits aus einem flüchtigen Blick in die Auftragsbücher der Hütten. Seit dem Frühsommer schon sind die Auftragseingänge für Walzfertigstahl bei den Werken rückläufig. Sie sind – nach einem Monatsdurchschnitt von 1,6 Mill. t im vergangenen Jahr – auf 1,4 Mill. t abgesunken. Dabei liegen vor allem die Neuaufträge aus dem Inland kaum noch über dem Niveau, das sie in der Stahlkrise vor drei Jahren ebenfalls erreicht hatten. Es erübrigt sich zu erwähnen, daß das gesamte Auftragspolster rasch zusammenschmilzt, wenn die Auslieferungen anhaltend über den Neubestellungen liegen. In den letzten Monaten gingen die Lieferungen schon um 15 vH über das neu hereingekommene Auftragsvolumen hinaus. Dementsprechend ist der insgesamt registrierte Auftragsbestand an Walzstahlfertigerzeugnissen auf 4,1 Mill. t – nach knapp 6 Mill. t vor einem Jahr – zurückgegangen, d.h. die Beschäftigung der Werke ist nicht mehr für vier, sondern nur noch für zwei Monate sichergestellt.

Abbröckelnde Preise sind wieder die Begleitmusik dieser Reise, deren Ziel noch nicht zu erkennen ist. Im Exportgeschäft, das aus Beschäftigungsgründen bisher mengenmäßig – wenn auch lustlos – noch gehalten wird, liegen die Erlöse um 60 bis 150 DM (bei dem besonders benachteiligten Feinblech sogar noch mehr) unter dem Inlandspreis. Es ist bezeichnend für diese Situation, daß sich die in der Brüsseler Konvention zusammengeschlossenen europäischen Stahlerzeuger gerade in diesen Tagen wieder entschlossen haben, Mindestpreise festzusetzen, um einem weiteren Einbruch entgegenzuwirken. Selbst die Optimisten an der Ruhr rechnen nicht vor Mitte nächsten Jahres mit dem Umschwung; vielmehr gibt es Pessimisten, die sich auf eine noch wesentlich längere Durststrecke einzustellen beginnen.

Undurchsichtige Lager