Kl., London, im November

Wegen eines Lohnstreiks von rund 1000 Trägern und Verladern im Londoner Flughafen konnte die BEA kürzlich nur 70 statt der täglich 140 flugplanmäßig disponierten Maschinen abfertigen. Der Streik, der sich seit seinem Ausbruch noch verschärft hat, ist die erste Runde im Kampf um das "Notbudget". Er ist außerdem die erste Auseinandersetzung mit der Regierung über die behördlich geforderte "Lohnpause". Die Regierung ist bisher glimpflich über die Kritik der Gewerkschaften hinweggekommen.

Während sich wohl viele Gewerkschaftsführer noch das letzte Wort vorbehalten, bis sie mehr Klarheit über die ihnen zugedachte Rolle in dem vorgesehenen staatlichen Planwirtschaftsrat besitzen (zu dessen Hauptaufgaben die Lohnlenkung gehören würde), scheinen einige andere Arbeiterführer grundsätzlich gegen eine Lohnpause eingestellt zu sein. Ein solcher ist der mächtige Generalsekretär Frank Cousins der die über eine Million Mitgliedern zählende Transport and General Workers’ Union leitet. Er sagte in seiner Ablehnung des Lohnstopps auf dem Labour-Parteitag: "Wo immer wir die organisatorische Kraft besitzen, uns durch Entzug der Arbeitskraft durchzusetzen, werden wir das tun."

Nun hat sich seine Union hinter den Streik im Londoner Flughafen gestellt, womit eine Gewerkschaft zum erstenmal mit der Streikwaffe der von der Regierung empfohlenen Lohnpolitik trotzt. Im Streik selbst steckt eine ernste Ausdehnungsgefahr, weil die 1000 Verlader zu den 120 000 staatlichen Industriearbeitern gehören, denen gleiche Lohnforderungen schon abgelehnt wurden. Von Streikdrohungen sind auch die Lohnbegehren großer Gruppen der Staatsbeamten und der Arbeiterschaft der staatlichen Elektrizitätswerke begleitet. Bergleute verlangen 1£ mehr Wochenlohn; neben der gesamten nationalisierten steht aber auch ein ansehnlicher Teil der Belegschaft in der Privatindustrie vor einer Lohnoffensive. Das könnten über sechs Millionen Arbeiter sein.

Wie lang kann die Lohnpause solchem Druck standhalten? Sie ist, wie schon der Name besagt, nur als vorübergehende Maßnahme, als Stillhalteabkommen bis zum Inkrafttreten des erwähnten Planwirtschaftsrats gedacht, für den die Vorbereitungen rüstig fortschreiten. Es gab seit dem Sommer einen faktisch kaum durchlöcherten Lohnstopp, und auch die für viele Arbeiter speziell in den Dienstleistungsgruppen bestellten unabhängigen Schiedsrichter haben den auf Lohnpause abgerichteten Wünschen der Regierung meist entsprochen; wo sie dies nicht taten, hat die Regierung den Schiedsspruch nicht genehmigt und so dessen Wirksamkeit mindestens verschoben.

Nicht alle Gewerkschaftsführer sind aber so abweisend wie der "große" Frank Cousins. Eine ganze Reihe will dem von der Regierung verkündeten Grundsatz (der ökonomisch allerdings fragwürdig ist), daß Löhne nur im Ausmaß einer Produktivitätssteigerung zunehmen sollen, eine Chance geben. Zwar kritisieren einige konservative und deshalb von Mißtrauen gegen Planung überhaupt geleitete Volkswirtschaftler die "Besessenheit des Schatzkanzlers, mit den Löhnen als der alleinigen Ursache von Inflation" zu rechnen. Gemäßigte Gewerkschaftsführer wiederum, die trotz Lohnpause und auf der Grundlage des Junktim; zwischen Löhnen und Produktivität mit der Regierung zusammenarbeiten wollen, setzen sich der Gefahr der Diskreditierung in den eigenen Reihen aus.

Wenn behauptet wird, daß der Unmut über die Lohnpause eine Steigerung der Produktivität in den Betrieben verhindert, so muß man doch erwähnen, daß dieser Unmut leider von Agitatoren erfolgreich ausgenutzt wird. Fast jede Woche bringt einen Streik, den die zuständigen Gewerkschaften aber nicht wünschen und manchmal fast im Jargon eines Unternehmers verdammen, ohne jedoch ihren Willen durchsetzen zu können. Nicht alle Trade Unions sind aber so besonnen. Derzeit streiken z. B. auf gewerkschaftliches Geheiß hin, und teilweise sehr gegen ihren eigenen Willen, die von den privaten Fernsehgesellschaften beschäftigten Schauspieler. Es ist dies ein fast in jedem Haushalt spürbarer Ausstand, denn einige jahrelang laufende Sendeserien, die sich einer Zuschauerschaft von Millionen erfreuen, fallen aus. Die Schauspieler geben zu, angemessen bezahlt worden zu sein, und viele fürchten jetzt um ihren Posten. Die Gewerkschaft begründet dagegen ihre Forderung mit der neuartigen These, daß die Schauspieler entsprechend der Menge der Zuschauerschaft honoriert werden sollten.

Einen weniger heiteren Hintergrund hat der nun schon seit mehr als zehn Wochen dauernde Streik in einem relativ kleinen Versorgungsbetrieb der Rootes-Gruppe, der umfangreiche Stillegungen in den Autofabriken dieses Konzerns erzwang. Nicht Lohndifferenzen sind die Ursache, sondern die Belegschaft konnte die von ihr gewünschte Zusage, es werde keinen Personalabbau geben, nicht erhalten. Der Streik ist auf Betreiben der Betriebsräte und gegen den Willen der Gewerkschaften entstanden; diese haben vielmehr wiederholt zur Arbeitsaufnahme aufgefordert, aber vergeblich. Dies ist ein typischer "wilder Streik", in dem die Betriebsräte eine der Gewerkschaft gehörende Befugnis usurpieren und dadurch des Konflikt verlängern. Der konservative Abgeordnete Lindsay, in dessen Wahlkreis mehrere Rootes-Fabriken liegen, gibt dafür einigen Agitatoren die Schuld, deren Hetze gegen die Gewerkschaftsführer äußersten Linksextremismus verrät. Auch der sozialistische Abgeordnete Edelman bestreitet nicht, daß Kommunisten am Werk sind, um die Beschwerden der Arbeiter in der Autoindustrie, die heuer bereits 350 000 und im Vorjahr über eine halbe Million Arbeitstage durch wilde Streiks verloren hat, auszunutzen. Seiner Ansicht nach bestehen aber solche Beschwerden, von denen die Angst um den Arbeitsplatz die legitimste sei. Da der in Rede stehende "wilde Streik", für den keine Gewerkschaftsmittel zur Verfügung stehen, wegen Geldmangels aufhören dürfte und das Unternehmen seine Entschlossenheit wissen ließ, die Unruhestifter nicht wieder zu beschäftigen, wird viel Bitterkeit zurückbleiben.