Eine alte Kunst neu erlernen / Von

Paul Sethe

Verwirrt schaute das Volk seinem Kanzler nach, als er über den Ozean flog, den mächtigen Freund und Bundesgenossen zu sprechen. Verwirrt, weil es ihm in den letzten acht Tagen wieder einmal schwergemacht worden ist, dem Gang der Dinge zu folgen.

Eben noch hatte es vernommen, daß ein Botschafter sich so unmöglich benommen habe, daß er wahrscheinlich nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren dürfe, als auch schon die Berichtigung hinterhergejagt wurde, Dr. Kroll genieße wieder das volle Vertrauen seiner Regierung. Und weiter: Eben noch hatten die Deutschen gehört, der Kanzler wolle erst die Mauer verschwinden sehen, ehe er mit Verhandlungen beginnen könne, da teilte man ihnen schon wieder mit, das habe der Kanzler gar nicht gesagt oder jedenfalls, so habe er es nicht gesagt. Nur vor einer Unterzeichnung eines Abkommens über Berlin müsse die Mauer verschwinden; das sei Konrad Adenauers Meinung. Der zuständige Minister schließlich versicherte, er fordere natürlich das Verschwinden der Mauer, aber diese Forderung sei nicht ultimativ gemeint. Dies freilich ist so vieldeutig ausgedrückt, daß es mit gutem Grunde "diplomatisch" genannt werden kann.

Hätten sich die ersten Meldungen über die Haltung des Kanzlers bestätigt, so würde es überhaupt keine Verhandlungen mit den Sowjets geben. Das wäre angesichts der tiefen Erbitterung über das sowjetische Vorgehen vielleicht recht volkstümlich gewesen, geholfen aber hätte es unseren Landsleuten nichts. Die Bundesregierung mag sich nach jener ersten Mitteilung jedoch an die Zeit erinnert haben, in der sie als Voraussetzung für Verhandlungen über die deutsche Einheit gefordert hatte, die Sowjets müßten den freien Wahlen in der DDR zustimmen. Was an das Ende der Gespräche gehörte, sollte an den Anfang gesetzt werden. Das war zwar sehr populär; aber es hat auch damals schon zu nichts geführt.

Verhandlungen – der Begriff ist von dem ihm gebührenden Platz in der Diplomatie leider verdrängt worden. Es ist gelungen, in breiten Schichten die Erinnerung an die eindrucksvolle Geschichte deutscher Verhandlungskunst fast ganz zu ersticken. Für Millionen sind heute Verhandeln und Kapitulieren dasselbe.

Auf schmalem Grat