Ein Gespräch mit Bundessehiitzmi nister Hans Lenz

Von Sigmund Chafarowski

Als wir den neuen Bundesschatzminister in seinem Amtssitz aufsuchten, im Schloß Carstanden am Godesberger Rheinufer, da machten sich gerade Vermessungsbeamte an diesem herrlich gelegenen Gebäude zu schaffen. Keine 48 Stunden ist es her, daß Hans Lenz die Bundesministerwürde erhalten und von diesem in einem großen Park gelegenen "Herrensitz" Besitz ergriffen hat. Soll etwa alle Schloßherrlichkeit schon jetzt ein Ende haben? Wir fragen den Minister, ob sein erstes Privatisierungsobjekt etwa das eigene Ministerium sein soll. Oh nein, unter "Privatisierung" verstehe er doch mehr als die Freigabe des Carstanjen-Parks für die Öffentlichkeit – eine Forderung, die von der Stadt Godesberg immer wieder vorgetragen wird. Doch die Godesberger Bevölkerung wird wohl vergeblich auf die Erfüllung dieses Wunsches warten, denn die Bundesregierung möchte das Schloß Carstanjen zu ihrem Gästehaus ausgestalten.

"Mir ist eine Behelfsunterkunft, in dem mein ganzes Ministerium untergebracht werden kann, lieber als ein Herrensitz mit Park und ungenügender Übersicht über das Ganze." Tatsächlich sind zur Zeit die Vermögens- und Liegenschaftsabteilung im Bundesfinanzministerium beheimatet. Obwohl sie seit 1957 zum "Bundesministerium für den wirtschaftlichen Besitz des Bundes" gehören. Mit dieser sprachlich kaum vertretbaren offiziellen Amtsbezeichnung hat der Philologe Lenz sofort aufgeräumt. Es war sozusagen seine erste Amtshandlung, auch in die amtliche Sprachregelung die Bezeichnung "Bundesschatzministerium" einzuführen. "Das war meine Morgengabe an das Haus", worüber denn auch alle seine Beamten überaus glücklich waren.

Daß die Freien Demokraten dieses Ministerium erhalten werden, stand sofort nach der Wahl so gut wie fest. Daß der neue Chef Hans Lenz heißen wird, auch darüber wurde in dem wochenlangen Koalitionskampf niemals ernsthaft gestritten. Hier und da wurde allenfalls die Meinung vertreten, daß Hans Lenz – trotz seiner schweren Körperbehinderung – eigentlich "zu Höherem berufen" sei, etwa zur Leitung des Bundesfinanzministeriums. Aber da hat Lenz immer abgewinkt. Seine körperliche Konstitution – er leidet an einer durch eine Kriegsverletzung mitverursachten schweren Arthrose – ließ es ihm nicht geraten erscheinen, einem großen Ministerium vorzustehen. Bescheidenheit zeichnet ihn auch in seiner Eigenschaft als Bundesschatzminister in reichem Maße aus. Er wird zu betonen nicht müde, daß er nach seiner Ausbildung und seinem beruflichen Werdegang jetzt sozusagen eine artfremde Aufgabe übernommen habe. Man möge doch mit ihm Geduld und Einsicht haben, er müsse sich erst einarbeiten.

"Gold und Silber"

Hält man sich nur an die Daten seines Lebenslaufes, so erscheint Hans Lenz in der Tat als "wirtschaftspolitischer Außenseiter". Er, ein unmittelbarer Nachfahre des Gründers der Hohnerwerke, studierte Germanistik und neue Sprachen in Tübingen. Seine Spezialgebiete waren später nordische Philologie und die Grundlagen der deutschen Heldensagen. "Vom Nibelungen- zum Bundesschatz führt eigentlich ein gerader Weg", so wirft Minister Lenz scherzhaft ein. Studienaufenthalte in Paris, London und Reykjavik/Island gingen seinem 1932 abgelegten Referendar-Examen voran. Mit Schmunzeln erzählt er von dem Erstaunen des isländischen Botschafters, als er ihn einmal in dessen Muttersprache begrüßte. Nach seinem Studium wandte sich Lenz dem Verlagsgeschäft zu. Nach dem Kriege forderte dann die Musik ihr Recht von ihm. In seiner Vaterstadt Trossingen/Württemberg (geboren 1907) wurde er 1947 stellvertretender Direktor der Staatlichen Hochschule für Musikerziehung‚ die bei Bildung des Südweststaates aufgelöst wurde, aber durch die öffentlichrechtliche Hohner-Stiftung dann doch erhalten werden konnte. Seit 1951 ist Hans Lenz Verwaltungsdirektor dieser Stiftung.