Halb verwundert, halb fragend hatten wir die Beobachtung mitgeteilt, die Literatur im Deutschland von heute werde offenbar von einer, und sei es auch noch so schwer definierbaren, Linken getragen – und deutsche Schriftsteller gebeten, diese Beobachtung, wo notwendig, zu korrigieren. Nach Erwiderungen von Dr. Walter Gerteis, Hans Habe und Rolf Schroers veröffentlichen wir heute (in Form und Inhalt unverändert) eine Erwiderung von Kurt Ziesel:

Jeder Widerspruch jedes deutschen Schriftstellers wird an dieser Stelle abgedruckt." Die Botschaft las ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Als unverbesserlicher Optimist aber, möchte ich Ihnen meinen Widerspruch mitteilen. Ich glaube, ich erhebe ihn im Namen vieler Autoren, die entweder Ihren "Aufruf" nicht gelesen haben oder die längst gegenüber der Einseitigkeit Ihrer literarischen Diktionen resigniert haben. Die Vorstellung, daß sich Autoren wie Frank Thiess oder Bernt von Heiseler, um nur zwei zu nennen, nicht als "Rechte" Schriftsteller bekennen würden, ist absurd, wenn man weiß, was gerade diese Autoren gegen die selbstzerstörische Haltung eines großen Teiles der von Ihnen geförderten Schriftsteller gegenüber der westlichen Demokratie publiziert haben. Sie sind dabei allerdings auf kleinere Organe beschränkt, da ja Organe wie die "Zeit" und ein großer Teil unserer Presse solche Stimmen totschweigen. Wer sich heute in Deutschland zu dem fast diffamierenden Begriff "Rechts" bekennt, wird sofort als ein der DRP Nahestehender verleumdet, wenn man ihn nicht gleich zum Neofaschisten stempelt. Nun ist der solcherart abgewertete Begriff "Rechts" jedoch ein absolut legaler Bestandteil des demokratischen Lebens und durchaus im gleichen Sinn als "radikale Mitte" definierbar, die Sie als unserem Lande vor allem als nottuend bezeichnen. Daß jedoch Männer wie Graß, Enzensberger, Jens, Schonauer, um nur einige Namen zu nennen, der radikalen Mitte zuzuzählen seien, finde ich absurd. Sie stehen auf der äußersten Linken. Die 21 Autoren des die Bundesrepublik so sehr schmähenden Rowohltbändchens "Alternative" finden ja selbst die SPD nur als das "kleinere Übel", weil sie zu weit nach rechts gerückt ist. Daß die Thesen all dieser Herren, ob sie es nun wollen oder nicht, in so weitem Maße Pankow willkommen sind und seinen Forderungen entsprechen, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Und ob es angesichts der Mauer, angesichts der Fünfzig-Megatonbombe, angesichts der immer schamloser ausposaunten Absicht des Ostens nach einer totalen bolschewistischen Weltrevolution gerade jetzt die Aufgabe deutscher Schriftsteller sein kann, den linken Flügel zu stärken, wage ich zu bezweifeln. Sosehr gerade jeder vernünftige Rechtsstehende, das heißt Konservative, von Begriffen wie Vaterland, Volk, Soldatentum noch erfüllte Autor, gegen alle Unbelehrbaren und jeden Versuch nazistischer Restauration eingestellt ist, so wenig wird er es begreifen, daß unsere Intelligenz und unsere Literaten heute nicht wahrhaben wollen, welche Gefahr akut und hautnah ist. Die deutsche Literatur findet keineswegs auf der Linken statt, sondern Blätter wie die "ZEIT" und die meisten anderen von Verbreitung und Rang, einschließlich der Rundfunksender, lassen nur die Linke zu Wort kommen, nur linkseingestellte Autoren werden gefördert, diskutiert, bekommen ein Forum, alles andere wird totgeschwiegen, verniedlicht, zu Banausen und Reaktionären abgewertet und in den Geruch des Rechtsextremismus gebracht. Und wenn man sich nicht mehr anders gegen die Anprangerung dieser Methode zur Wehr setzen kann, behilft man sich mit der Absprechung literarischer Qualität. Meine Bücher bewegen und zwar nicht nur die zeitkritischen, seit 15 Jahren die deutsche Öffentlichkeit in einem Ausmaß, das sich nicht nur in den Auflagezahlen spiegelt. Die große Presse aber verschweigt das, diffamiert mich, entstellt meine Absichten. Das Verfahren ist denkbar undemokratisch. So sehr ich es verurteile, jeden als Kommunisten zu verdächtigen, der links steht, so widerwärtig ist der geistige Terror, Rechtsstehende als unbelehrbare Nazi zu diffamieren. Wer in Deutschland heute als Autor Erfolg haben will, muß links stehen. Ich glaube nicht zuletzt ist das der eigentliche Grund, warum so wenige Autoren sich als "Rechte" bekennen. Die (Zivilcourage war noch nie der Deutschen besondere Tugend und die der Literaten schon gar nicht. Es würde mich freuen, wenn Sie – es wäre das erstemal – Ihrem Versprechen gemäß diese Zeilen veröffentlichen würden. Ich habe sie sanft formuliert, obwohl mir zuweilen der Zorn über die doppelte Moral und den Verrat aller demokratischen Grundsätze und Fairnesse in diesen Dingen die Stimme erstickt. Kurt Ziesel

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Die geistige Verwandschaft mit den großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen sowie den Rundfunksendern lassen wir uns gerne bestätigen: wir fühlen uns da in guter Gesellschaft.

Wir haben noch nie daran gedacht, "rechts" mit "Nazi" zu identifizieren.

Wer oder was eigentlich ein deutscher "Schriftsteller" sei, darüber gehen die Meinungen auseinander. Wir erwarten von ihm als erstes: daß er die deutsche Sprache beherrscht oder, wie Karl Kraus zu formulieren vorgezogen hätte: daß er der deutschen Sprache dient.

Der Satz "es wäre das erstemal" könnte mißverstanden werden. Er kann nur heißen: es ist das erstemal, daß ich Kurt Ziesel ein Versprechen gegeben habe – nicht ihm persönlich, sondern ganz allgemein, durch den Satz: jeder Widerspruch wird hier veröffentlicht. Als nächster und letzter der von Rudolf Krämer-Badoni. R. W. Leonhardt