Von Paul Sethe

Daß wir nicht das "heilig Herz der Völker" sind, wissen wir seit einiger Zeit. Aber verständlicherweise möchten wir auch nicht gern zugeben, daß wir die anmaßenden, uns selbst bemitleidenden, zwischen hirnverbranntem Idealismus und krassem Materialismus schwankenden, die Freiheit verachtenden Untertanen seien, wie uns viele Ausländer und auch einige an ihrem Volk verzweifelnden Landsleute schildern.

Wie aber sind wir wirklich? Man kann diese Frage nur beantworten, indem man uns ebenso unbefangen wie gründlich in unseren Lebensäußerungen, Stimmungen, Taten, Wünschen und Sorgen beobachtet. Rudolf Walter Leonhardt hat sich dieser Aufgabe unterzogen. (X-mal Deutschland, bei R. Piper & Co., München, 530 Seiten, gebunden DM 19,80).

Die Antwort auf die Frage ist kompliziert. Sie Ist so verwickelt, wie die Wirklichkeit selbst. Man darf sich Leonhardts Verfahren nicht so vorstellen, daß er nach der Methode "einerseits – andernseits" hier ein bißchen den Anklagen recht gibt, sie dort widerlegt, dann wieder bei den Verteidigern einige Wahrheiten entdeckt und so fort. Nein, er macht einfach Augen und Ohren, auf, er sieht sich an, was geschieht, dann schleppt er ununermüdlich Statistiken herbei: (aber nicht so viel, daß sie den Leser abschrecken – er ist nämlich ein Journalist). Am Ende ergibt sich ein Spiegel, in den hineinzuschauen nie langweilig wird, obwohl oder weil wir in ihm nicht nur heitere und angenehme Züge entdecken. –

So erfahren wir zwar an Beispielen, daß die Flucht aus der Zone häufiger durch Auflehnung gegen den geistigen Zwang und weniger durch die Sehnsucht nach den westdeutschen Fleischtöpfen bestimmt ist, als manche sauertöpfische Beobachter behaupten. Aus ganzem Herzen stimmen wir dem Verfasser auch zu, wo er jene Abart des deutschen Föderalismus preist, die sich auf der Speisekarte betätigt. Geringeres Vergnügen dagegen bereiten die Anekdoten, aus denen hervorgeht, daß die Fähigkeit, über uns selbst zu lachen, höchst unterentwickelt ist. Nachdenklich und betroffen stehen wir der Feststellung gegenüber, daß, wenn Vorgesetzte und Obrigkeit uns das Leben nicht ganz unerträglich machen, wir allzuleicht bereit sind, ihnen zu gehorchen. Gehorsam – ins Krankhafte entartet: mit dieser Eigenschaft läßt sich vieles an der jüngsten und allerjüngsten Geschichte Deutschlands erklären.

Aber an dieser Stelle soll kein Katalog unserer angenehmen und weniger angenehmen Nationaleigenschaften angegeben werden, wie man ihn aus Leonhardts Buch herausschälen könnte. Dafür ist das Glas, durch das er sein Volk sieht, zu reich an Facetten. Das Bild, das sich so ergibt, kann nicht in eine Zeitungsspalte gepreßt werden. Die Mannigfaltigkeit der Züge, denen der Leser begegnet, erklärt sich aus der originellen, offensichtlich von Leonhardt selbst erfundenen Methode des Beobachtens und Beschreibens. Gewiß, es gibt nur einen Autor, aber es gibt viele Entdecker. Da ist einmal Leonhardt selbst, der durch das Land reist, nicht nur durch Bonn und Frankfurt und München, sondern auch durch Dresden und Leipzig, der iberall herumschaut, hört, notiert, Fragen stell; und Antworten provoziert.

Dann kommen seine ausländischen Freunde dazu. Höchstgebildete und sympathische Leute, aber mit einer Hypothek von Vorurteilen beschwert. Sie werden der Wirklichkeit gegenübergestellt und müssen sich mit ihr abfinden, in ihren Vorurteilen gelegentlich widerlegt, gelegentlich leider auch bestätigt.