Von Otto F. Beer

Die Herbstregen haben die letzten Fremden vertrieben. Die ersten Premierenschlachten, zu denen Dramatiker wie Zuckmayer, Schehadé und Christopher Fry im Burgtheater eine Art unbeabsichtigtes Dichtertreffen abhielten, fielen noch in einen unwahrscheinlich warmen Herbst. Der Novemberbeginn setzte dem ein Ende, und die Wienerwaldspaziergänge wurden durch Aufenthalte in den weit weniger ozonhaltigen Wiener Kaffeehäusern abgelöst. Die Theater brauchen nicht mehr mit den sonnigen Hängen zu konkurrieren, sondern stehen unangefochten im Mittelpunkt. Auf der Ringstraße werden nun weniger Kameras gezückt, obwohl man dies gerade jetzt ruhig riskieren dürfte, ohne bei einem unrichtigen Schritt in eine Aufgrabung zu stürzen.

Denn auf der Ringstraße ist nach zweijähriger Grabetätigkeit endlich ein gewisser Friede eingetreten. In den engen Gassen der inneren Stadt, in denen sich ein Barockpalais an das andere fügt, hat man es längst aufgegeben, moderne Verkehrslösungen anzustreben. Man kann in diesem historischen Stadtkern kaum mehr tun als ein paar neue automatische Verkehrsampeln anbringen.

Auf der Ringstraße aber hat man versucht, durch eine Reihe unterirdischer Passagen eine Entwirrung der Verkehrsknotenpunkte zu erreichen.

Den ersten Versuch dieser Art hat man 1955 gemacht, als zugleich mit der Eröffnung der wiederhergestellten Staatsoper eine große Fußgängerunterführung mit Rolltreppen gebaut wurde, in deren Zentrum ein unterirdisches Café und eine Anzahl von Läden errichtet worden sind. Im Laufe der Jahre ist diese Opernpassage zum Lieblingsaufenthalt der in Wien lebenden Algerier, Ägypter und anderer Orientalen geworden. In den letzten beiden Jahren hat man nun drei weitere Passagen errichtet, zum Schrecken der Wiener Autofahrer, die der Aufgrabungen wegen die abenteuerlichsten Umwege machen mußten.

Als man mit dem Bau zu Ende war, ergab sich für die geplanten Souterrain-Läden eine unerwartete bürokratische Schwierigkeit: eine alte betriebshygienische Vorschrift untersagte die Frauenarbeit unter Tag. Ein Gesetz, das irgendeinmal erlassen worden war, um weibliche Hilfskräfte aus dem Kohlenbergwerk zu verbannen, wäre beinahe auf die Luxusläden unter der Ringstraße angewandt worden. Aber auch diese Hürde wurde schließlich bezwungen, und die Wiener haben nach langem schwerem Leiden eine modernisierte Via principalis wieder.

Die beiden Bühnen, die an der Ringstraße liegen, die Staatsoper und das Burgtheater, leiden allerdings seit Saisonbeginn unter einem schleichenden Arbeitskonflikt. Wir berichteten damals über die "Fünftagewoche für Wiener Walküren": Karajan mußte den "Nibelungenring" nach der Walküre unterbrechen, weil das technische Personal nicht mehr gewillt war, die gesetzlich, eingeführte Fünftagewoche durch Überstunden für zusätzliche Proben in Frage zu stellen.