Fremdlinge aus einer anderen Welt oder Brüder in jahrtausendealter Solidarität?

Auf der Konferenz in New Delhi wurde jetzt die russisch-orthodoxe Kirche in den Weltkirchenrat aufgenommen. Was hat es mit diesem Ereignis auf sich? Ergeben sich daraus neue, in die Zukunft weisende Möglichkeiten menschlicher Berührung und theologischen Verstehens? Die Beantwortung dieser Fragen hängt ab von der Rolle, die die Kirche im Sowjetstaat spielt. Dietrich Ritschl, der als Professor für Dogmengeschichte und Ethik in den Vereinigten Staaten lehrt, ist kürzlich von einer langen Studienreise durch die Sowjetunion zurückgekehrt, über die er hier berichtet.

Ohne zu schwanken bin ich in den vergangenen Jahren bei regelmäßigen Besuchen in Ungarn und der Tschechoslowakei und auch jetzt in der Sowjetunion in der Uberzeugung bestärkt worden, daß der Verdacht, wir hätten es dort mit kompromißbereiten und "von oben" gelenkten kirchlichen Vertretern zu tun, falsch, vergiftend und im schlimmsten Sinne ein Bumerang ist. Der Ernst und das Gewicht dieser Überzeugung kann schlecht in einem Satz zusammengefaßt werden, ohne formelhaft und leer zu sein. Alles im Folgenden Gesagte soll diese eine Beobachtung und Überzeugung zu bestätigen versuchen.

Zusammen mit einem amerikanischen Freund, Professor Paul van Buren, war ich diesen Sommer in der UdSSR als Gast des Patriarchats der orthodoxen Kirche. Im Westen und in Osteuropa begonnene Diskussionen mit Kollegen an den theologischen Akademien in Rußland wollten wir fortsetzen und einen Gesamteindruck von Kirche und Land gewinnen. Wir reisten völlig frei – teilweise ganz ohne Begleiter – mit der Eisenbahn über Mockau nach Leningrad und nach Estland, dann durch die Ukraine nach Odessa und zurück wieder über Moskau. Wir haben zahlreiche Gemeinden gesehen und an den beiden theologischen Akademien und im Kloster in Odessa jene theologischen Gespräche geführt, auf die es uns ankam. Auch baptistische Gemeinden haben wir mehrmals besucht, und mit der lutherischen Kirche in Estland konnten wir wenigstens in Tallinn (Reval) in Berührung kommen.

Während der bald tausendjährigen offiziellen und der noch längeren praktischen Abtrennung der Ostkirche vom Westen hat es nur wenige Versuche gegeben, theologische Brücken zu bauen oder gar Einigungen anzustreben. In der Mitte des 15. Jahrhunderts scheiterten hussitische Versuche um Kontaktaufnahme aus politischen Gründen; die Vorstöße deutscher Theologen zur Reformationszeit wurden im Osten aus theologischen Gründen abgewiesen; auch spätere Bemühungen von Protestanten (erwähnt sei Graf Zinzendorf) schlugen fehl. Die Beziehungen zur römischkatholischen Kirche sind komplizierter, noch gespannter und ebenfalls erfolglos geblieben. Und doch kann man Einflüsse des Westens auf die Ostkirche feststellen: die Reformation in Europa hat in Rußland zu einer Verhärtung der Tradition geführt, ebenso die katholische Gegenreformation (über Polen und Litauen). Die Romantik hingegen und der theologische Liberalismus in Deutschland sind in gewisser Weise auch in die russische Kirche hineingesickert.

Wir – Christen und Nichtchristen im Westen – täten gut daran, uns genauer über die Geschichte der Ostkirche, dieser riesigen Kirche, zu orientieren. Sie ist ja gar nicht eine erstarrte Kopie des alten Byzantinismus oder eine missionsschwache, an der Welt uninteressierte Kirche der Mystik! Freilich sind ihre Formulierungen, sozusagen die verpackte und verschnürte Schachtel mit den Dogmen, auf eine uns unbegreifliche Art durch die Jahrhunderte hindurch ehrfürchtigeifersüchtig, anbetend-abwehrend behütet worden. Aber nur für uns westliche Menschen, die im Prinzipiellen eher römisch, hinsichtlich der Ziele vielleicht griechisch denken, sind Formulierungen repräsentativ für das Ganze. Wer starre Formulierungen hat, kommt uns auch starr vor.

Gerade im Gegensatz zur marxistisch-leninistischen Ideologie ist es wichtig zu erkennen, daß die theologischen Wurzeln der Ostkirche nicht auf einen philosophischen Nenner gebracht werden können. Es wirken hier außer der Theologie der mächtigen griechischen Kirchenväter, und vielfach durch sie, Plato und Aristoteles, Neuplatonismus und westliche Gedanken ineinander. Im Hinblick auf die heutige Stellung zum Staat und zum späten Zarismus muß man sehen, daß die Zeit von Peter der Große bis zur Revolution 1917 sozusagen eine "un-eigentliche" Zeit gewesen ist.