Der Mann, auf den die Skisportwelt im letzten Winter schaute, wird in dieser Weltmeisterschaftssaison kaum wieder ein solches Furore machen. Wie ein Komet war der schwarzhaarige Jugoslawe Joze Slibar, Sohn eines Bergbauern vom Loibl-Paß, aus einer Schar weltberühmter Namen gen Himmel geschossen, als ihm beim Skifliegen auf der Schanze im Birgsautal von Oberstdorf ein Flug von 141 Metern glückte,, der weiteste, den je ein Mensch durchstand.

Der 27 Jahre alte Student der Forsthochschule von Laibach hatte damit den auf der gleichen Schanze erzielten, zehn Jahre alten Rekord des damals 19jährigen Finnen Tauno Luiro um zwei Meter überboten. Luiro konnte seinem Nachfolger nicht mehr gratulieren. Er war im Jahre zuvor einer heimtückischen Krankheit erlegen, deren Keime schon an seiner Kraft zehrten, als ihm sein Wunderflug von 139 Metern gelang.

Slibar hatte in Oberstdorf einen Glückstag erwischt, wie ihn viele Sportler vergeblich ersehnen. Schon am Tag zuvor hatten ihm Weiten von 129 und 131 Metern Mut gemacht. Sein Trainer Dr. Toni Decman sagte ihm: „Joze, du bist so weit wie noch nie gesprungen und hast trotzdem dabei den richtigen Absprung verpaßt. Glückt er dir am heutigen Freitag, dann kannst du Weltrekordmann werden!“ Das war eine kühne Prognose, denn neben dem freundlichen Slibar, der sogar nur als zweiter Mann Jugoslawiens bei der Skiflugwoche war und den kaum jemand kannte, nahmen großartige Könner wie der Olympiasieger und Weltmeister Helmut Recknagel aus Thüringen, der österreichische Olympiadritte Otto Leodolter, Max Bolkart aus dem Allgäu sowie der Schwarzwälder Weitenjäger, der blutjunge Wolfgang Happle, an dem Wettbewerb teil.

Joze Slibar war sich bisher wie ein Nichts neben den Großen des Skispringens vorgekommen. Aber die Worte seines Trainers hatten seinen Mut entfacht. Nach einem Flug von 122 Metern stand er wiederum auf dem Turm und sah von dort wie von der Spitze des Kölner Doms auf die 161 Meter tiefere Talsohle herab, auf der die Springer nach jedem Flug ausschwangen. Mit kühnem Schwung warf er sich in die Anlaufspur, bald glitten seine schweren Bretter mit über 100 Stundenkilometern dem Schanzentisch zu, dicht vor der Kante stieß er hoch in die Luft. Er fühlte, wie sich diese wie ein Kissen unter seinem Körper und seinen Brettern breitete, wie er weit hinausgetragen wurde für fast endlose sechs Sekunden. Dann huschte die 140-Meter-Marke blitzschnell an seinen Augen vorbei, Joze faßte Boden, stand den harten Aufprall durch und raste mitten in die Planken vor den Zuschauermassen hinein.

„Das passiert ihm fast immer“, hörte man später von seinem Trainer. „Springen kann der Joze, denn er hat einen Löwenmut und eine artistische Körperbeherrschung. Aber Skilaufen und am Hang schwingen, das kann er nicht. Darin wird ihn sogar mancher Tourist übertreffen.“

Das war der schönste Tag im Leben des für einen Skispringer nicht mehr jungen Jugoslawen Joze Slibar. Gewinnen konnte er das Skifliegen nicht. Helmut Recknagel sicherte sich den Sieg nach einem erbitterten Zweikampf vor Otto Leodolter. Und der dritte des Gesamt Wettbewerbs, Wolfgang Happle, bedrohte sogar noch einmal Slibars jungen Weltrekord. Am Tag danach! faßten die Bretter des Schwarzwälders erst bei 145 Meter Boden, aber der Aufsprungdruck war zu groß. Happle „rodelte“ auf den Skiern sitzend weiter und kippte dann im Auslauf um.

Der Weltrekord Joze Slibars, ein inoffizieller ist es natürlich nur, da keine Schanze der anderen gleicht, wird den Skiwinter 1961/62 mit Sicherheit überstehen. Die Schanze am Kulm bei Mitterndorf in Österreich, auf der sich die Weitenjäger Europas an den ersten Märztagen treffen, läßt keine ähnlichen Weiten wie jene im Birgsautal im Allgäu zu. Bei den anderen großen Ski springen des Winters aber, deren Höhepunkt die Weltmeisterschaftswoche von Zakopane in der Hohen Tatra (18. bis 25. Februar) bringt, kann man Joze Slibar, dem Mann, der bisher von allen Skispringern der Welt am weitesten flog keine großen Chancen geben. Die Haltung des zukünftigen Forstingenieurs ist beim Sprung zu schlecht, als daß er mit den stilistisch vollendeten Finnen, Norwegern und den Springern aus den Alpenländern und den mitteldeutschen Gebirgen konkurrieren könnte. In Zakopane haben sich die alten Skispringernationen am meisten der Russen zu erwehren.

In der Chronik des Skifliegens aber, die nun schon 18 Springer über 130 Meter aufweist, hält Joze Slibar die Spitze. Sie zu betrachten, ist nicht uninteressant, da sich viele Skispringer epochaler Bedeutung in sie eingetragen haben. Peter Hensen