II. Neurotiker ohne Ärzte – Zuwenig Lehrstühle, zuwenig Geld – Arzt und Kirche – Tabletten-Unfug

Zehn bis fünfzig von hundert Menschen leiden in den hochzivilisierten westlichen Ländern, an Neurose oder psychogenen Erkrankungen. Diese Zahl schwankt je nach dem Maßstab, den die Statistiker an die Symptome psychischer Krankheiten legen. Im Durchschnitt halten praktische Ärzte 25 bis 30 vH, Internisten 30 bis 40 vH ihrer Patienten für psychotherapiebedürftig. Nimmt man jedoch an, daß jeder der 70 000 Ärzte in der Bundesrepublik nur einen Patienten jährlich zu den 250 voll ausgebildeten Psychotherapeuten schickte, kämen auf jeden dieser Seelenärzte 280 Patienten. Einen Psychotherapeuten beschäftigen in einem Jahr freilich schon zwölf Patienten intensiv. Deshalb die Forderung, es seien statt der 250 mindestens 6000 Psychotherapeuten nötig. Wir veröffentlichen hier den zweiten Teil des Gespräches, das unser Mitarbeiter Dr. Theo Löbsack mit Professor Dr. Paul Matussek von der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie, München, geführt hat.

„Man hört so oft, Herr Professor Matussek, daß die Menschen heute mehr als früher von neurotischen Störungen heimgesucht werden, und daß dafür die Unrast unserer Zeit, der allgemein härter gewordene Lebenskampf verantwortlich seien. Trifft das zu?“

„Was wir heute unter Neurosen und Psychosen verstehen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Ob durch die modernen Lebensbedingungen, deren psychodynamische Hintergründe wahrscheinlich doch andere sind als Unrast und härterer Lebenskampf, wirklich die Anzahl der Neurosen gestiegen ist, läßt sich, schon aus den oben angeführten Gründen statistischer Fehlerquellen, nur schwer bestimmen. Wir wissen aber, daß das Erscheinungsbild mancher Neurosen ein anderes geworden ist. So sahen wir nach dem letzten Weltkrieg unter den sogenannten Rentenneurotikern kaum noch die von früher bekannten ‚Kriegszitterer‘. Neuerdings haben wir es mehr mit ‚verinnerlichten‘ Symptomen zu tun, darunter Herz- und Magenbeschwerden.“

Als „jüdisches Machwerk“ verfemt

„Wie kommt es aber, daß es mit der Psychotherapie bei uns in Westdeutschland so sehr im argen liegt, vor allem: warum haben wir eigentlich so wenige ausgebildete Psychotherapeuten.

„Selbst heute erhalten die Studenten auf den Universitäten im allgemeinen keine den Erfordernissen der künftigen Praxis entsprechende Ausbildung in der tiefenpsychologischen Psychotherapie. Das hat verschiedene Gründe. Schon vor der Nazizeit verhielt sich die klassische Psychiatrie gegenüber der Psychoanalyse reserviert, ja stellenweise total ablehnend. Zu einem gewissen Teil war diese Reserve verständlich, da die damalige Psychoanalyse wegen ihrer gelegentlich ans Sektiererhafte grenzenden Selbstgefälligkeit und ihres einseitig mechanistischen Denkmodells doch gewisse emotionale und rationale Angriffsflächen bot.

Die Reserve wurde im „Dritten Reich‘ noch stärker; die Psychoanalyse war geradezu als jüdisches Machwerk verfemt. So hatten die meisten der heute lehrenden Ordinarien für Psychiatrie, die sich damals noch in der Ausbildung befanden, nur begrenzte Möglichkeiten, ausreichende Erfahrungen mit der psychoanalytischen Psychotherapie zu sammeln. Noch maßgebender dürfte vielleicht die Tatsache sein, daß sich die Psychiatrie traditionsgemäß mehr mit den körperlichen als den psychischen Bedingungen seelischer Abnormitäten beschäftigte. Dabei kamen die Neurosen zu kurz. Diese und andere Gründe machen es verständlich, daß an den Lehrstätten der Psychiatrie im allgemeinen keine tiefergehenden und umfassenden Erfahrungen über die Hintergründe der Neurosen und ihre tiefenpsychologischen Behandlungsmöglichkeiten gewonnen werden konnten. Wo aber die Erfahrung fehlt, da gibt es auch keine sachgerechte Forschung. Und wo die Forschung darniederliegt, da fehlt es an der zuverlässigen Lehre. Die Folgen dieses circulus vitiosus auf psychiatrischem Gebiet haben wir in Deutschland besonders stark zu spüren.

Neuerdings versucht man auf Empfehlung des Wissenschaftsrates, wenigstens die spürbarsten Löcher durch die Errichtung von Lehrstühlen für Psychotherapie und medizinische Psychologie zu stopfen. Aber selbst wenn diese Vorschläge optimal ausgeführt werden sollten, wird es noch lange dauern, bis die psychotherapeutische Forschung in Deutschland den Grad wissenschaftlicher Fruchtbarkeit erreicht, den andere Länder – besonders die USA – heute schon haben.

Man soll sich zum Beispiel einmal klarmachen, daß die Mittel, die in Deutschland zur Erforschung seelischer und geistiger Störungen zur Verfügung stehen, nicht mehr sind als ein Trinkgeld im Verhältnis zu den Aufwendungen auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet. Von diesem Trinkgeld entfällt in Deutschland wiederum der größte Teil auf die zwar notwendige, aber nicht allein entscheidende naturwissenschaftliche Erforschung geistiger Störungen.

Natürlich liegt es nicht nur am Geld. Es fehlt überhaupt an Wissenschaftlern, für die der Mensch mit seinen Eigenarten und Möglichkeiten ein wichtigeres Forschungsobjekt ist als etwa die Rückseite des Mondes.“

„Man hört oft das Argument, daß es früher so etwas wie die Psychotherapie nicht gegeben hat – die Menschen hatten damals besser und gesünder gelebt –, daß man mit seinen Schwierigkeiten allein fertig werden müsse oder, besonders in kirchlichen Kreisen, daß für seelische Leiden der Priester eher zuständig sei als der psychotherapeutische Arzt. Wie steht es damit?“

„Sie berühren damit verschiedene Fragen. Was die Häufigkeit der Neurosen und geistigen Störungen betrifft, so habe ich schon das Wesentliche gesagt. Daß man früher mit vielen Schwierigkeit ten ohne Psychoanalyse und Psychotherapie fertig wurde, ist zunächst genauso selbstverständlich wie die Tatsache, daß man damals ja auch ohne Penicillin auskam. Man mußte ohne diese Hilfsmittel auskommen, weil es sie noch gar nicht gab. Daß man aber ohne die Psychotherapie mit den Neurosen und Psychosen besser fertig wurde als heute, stimmt leider nicht. Sicher wurden in früheren Zeiten gewisse Spielarten der Neurose gar nicht als abartig empfunden und deshalb auch möglicherweise besser ertragen. Vielleicht wurden sie zuweilen sogar, geliebt – man denke nur an manchen liebenswerten Sonderling.