Justizkritik kann man auf mancherlei Weise betreiben: am Stammtisch, in der Tagespresse, in Fachzeitschriften. Jede dieser Varianten erfordert ihren eigenen Stil. In dem Buch der Gerichtsreporterin des „Hamburger Abendblattes“ –

Hildegard Michaelis: „Recht muß Recht bleiben“ – Ein Streifzug durch die bekannte und unbekannte Justiz; Econ-Verlag, Düsseldorf; 256 S., 12,80 DM

– sind die Stilarten vermengt. Was für einen Leser wünscht sich wohl eine Autorin, die bei der Frage nach Willensfreiheit und Schuldfähigkeit schreibt: „Was geht mich dieser Gelehrtenstreit an? mag sich mancher Leser fragen, dem die Erörterung philosophischer Grundfragen unseres menschlichen Daseins, die unter dem Stichwort ‚Determinismus‘ und ‚Indeterminismus‘ im Lexikon zu finden sind, allzu theoretisch erscheint“? Die dann aber, ein paar Seiten weiter, Kant, Hegel und Feuerbach zitiert?

Das Buch enthält einige lesenswerte Partien – etwa das, was zum Entmündigungswesen und zur Fehlentwicklung des „Sitten“-Strafrechts gesagt wird. Mit Recht kritisiert Hildegard Michaelis die Anmaßung des Strafrechts, das (bei der künstlichen Insemination) erwachsene Menschen vor seelischen Konflikten schützen will, indem es andere seelische Konflikte unlösbar macht.

Wenn sie Gesehenes beschreibt und Schicksale erzählt, spürt man die Routine der Reporterin und echtes Mitleid. Aber dem großen Thema Justizkritik wird sie nicht gerecht. Mit allzu knappen Worten, teilweise unpassenden Beispielen und Zitaten und nicht ohne sachliche Fehler werden die Grundprobleme des Strafrechts eher angetippt als ausdiskutiert. Die Stellungnahme der Autorin ist vielfach einseitig; sie übersieht, daß Freiheit und Recht nicht nur durch den Staat und seine Behörden, sondern auch durch den einzelnen bedroht sind.

Manche der scheinbaren Rechtsfragen, die die Autorin behandelt, sind in Wahrheit Geldfragen – etwa die Überlastung der Gerichte und Fürsorger, der Mangel an modernen Strafanstalten. Laufend werden Gesetzeskritik und Kritik an der Praxis vermischt; so entsteht der Eindruck, daß alles aufs beste geregelt werden könnte, wenn nur der Gesetzgeber nicht so stur wäre.

Die Maßstäbe, die Hildegard Michaelis hier anlegt, bleiben unklar; man könnte meinen, sie entnehme das Recht, das „Recht bleiben muß“, nicht dem Ideal der Gerechtigkeit, sondern dem, was der „Normalbürger“ dafür hält. Die Freisprechung eines Geisteskranken etwa wird kommentiert als eine „unfaßbare Ungerechtigkeit für das Opfer und seine Mutter“, und weiter heißt es: „Vielleicht wäre ein Schuldspruch mit anschließender Begnadigung und der Auflage, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen, dem Wesen dessen, was der Normalbürger unter ‚Gerechtigkeit‘ versteht, nähergekommen.“

Das sind, gelinde gesagt, merkwürdige Gedanken – sollte ein Autor seinen Laien-Lesern die falschen Vorstellungen nicht eher austreiben, als sie aufzuwärmen? Man durfte es um so eher erwarten, als Hildegard Michaelis sich bei ihrem Plädoyer gegen die Todesstrafe gar nicht scheut, die Meinung der Mehrheit zu bekämpfen. Hans Peter Bull n