Albrecht Dürer (1471–1528)

Selbstbildnis

Wenn ich meine Großeltern in Potsdam besuchte, sah ich über dem Sofa in der Studierstube ein Bild, ein Männergesicht. Ein unheimliches Gesicht: immer blickten seine Augen mich an, ob ich an der Tür stand oder am Ofen, sie verfolgten mich, wenn ich durchs Zimmer ging. "Von Albrecht Dürer", sagte meinGroßvater. "Der Holzschuher". Ich dachte, der Holzschuher sei kein Name, sondern ein Beruf, ein Zauberkünstler, ein Hexer. Ich schlief unruhig auf dem Sofa, unter seinen Augen.

Später, ich war in Quarta, gingen wir sonntags mit den Eltern ins Museum, ins Kaiser-Friedrich-Museum, es gab nur das eine in Berlin, für meine Eltern, für mich auch, bis ich als Sekundaner das Kronprinzenpalais entdeckte. Im Museum sah ich ihn wieder, den Holzschuher, jetzt war er kein Hexer, ein seriöser Herr, Bürgermeister von Nürnberg, die Augen waren noch immer unheimlich, zum Fürchten.

Zur Versetzung bekam ich ein Dürer-Buch. Da fand ich das Erlanger Selbstbildnis, mit der aufgestützten Hand. Es dauerte ein paar Jahre, dann war es mein Bild.

So war er auf seiner ersten Reise, als er Nürnberg und die Kinderstube und die Lehrjahre (doppelte Lehrjahre: erst beim Vater die Goldschmiederei und dann beim Meister Wohlgemuth das Malerhandwerk) hinter sich hatte. Irgendwo, unterwegs, auf der Wanderschaft, abends in der Herberge: Blick in den Spiegel. Der bin ich? Der bin ich.

So ist man mit zwanzig Jahren, ernst, nicht traurig, nicht vergnügt, einfach ernst. Entschlossen, dem Ganzen auf den Grund zu kommen, und es ist gleich, was man ins Auge laßt, die Bäume, das Stück Himmel hinter dem Fenster oder das Gesicht im Spiegel. Der gesammelte Blick geht immer bis zur Mitte. Ernst, gesammelt (nicht grüblerisch!), nicht nur erwartungsvoll, sondern einverstanden mit dem, was bevorsteht.