In den sechzehn Jahren seit Kriegsende hat in Italien ein traditionelles Tabu an Gültigkeit verloren: Die Ehescheidung. Man spricht darüber, und man ist nicht mehr gewillt, eine unglückliche oder mißratene Ehe so wie Krankheit und Tod als zum Schicksal gehörend hinzunehmen. Die Wandlungen in der Struktur der gesellschaftlichen Ordnung, die wirtschaftliche Unabhängigkeit von immer mehr arbeitenden Frauen, die allmähliche Lockerung enger Familienbande ließen das Thema Scheidung unversehens "aktuell" werden.

Damit hat es indessen gerade in Italien seine Schwierigkeiten. Die katholische Kirche scheidet zwar in keinem Land der Erde Ehen, die von ihr geschlossen worden sind, aber Italien ist neben Spanien das einzige Land, in dem es auch keine Zivilscheidung gibt, gleich, ob es sich um Katholiken, Protestanten, Juden oder Atheisten handelt. Als vor einigen Jahren eine Änderung dieses Gesetzes vor das Parlament gebracht wurde, gelang es den Christlich-Sozialen damals nur mit Hilfe der Kommunisten – die sich um der Stimmen vor allem im Süden des Landes willen ein bürgerlich-konservatives Mäntelchen umgehängt hatten –, den Antrag abzulehnen.

So gibt es heute in Italien immer noch nur die "Trennung von Bett und Tisch" (die meistens den Mann begünstigt) und die "Ungültigkeitserklärung", die von kirchlichen wie zivilen Tribunalen ausgesprochen werden.

Vor drei Jahren ist sogar das letzte Hintertürchen zugemauert worden: Nicht einmal mehr die Scheidungen italienischer Staatsbürger werden. anerkannt, die in Amerika, Rumänien, Österreich oder San Marino vollzogen wurden, nachdem man dort "eine gewisse Zeit ansässig" gewesen war. Ein findiger Advokat hatte sich damit ein Vermögen verdient, bis ein noch findigerer Staatsanwalt diesem Treiben ein Ende bereitete. Roberto Rosselinis erste Ehe mit einer Römerin konnte auf diese Weise noch rechtsgültig geschieden werden; bei Ingrid Bergman war es schon sehr viel komplizierter, und Sophia Loren verließ mit Carlo Ponti das Land.

Dennoch – die Statistiken verraten, daß die gesetzlichen Beschränkungen weder der Moral dienlich waren noch die Zahl der unglücklichen Ehen verminderte. 6000 Ehepaare erreichen jährlich die rechtliche Trennung, 1500 klagen auf böswilliges Verlassen des häuslichen Herdes. Wenn man jedoch bedenkt, daß auf ein rechtlich getrennt tes Paar mindestens vier kommen, die in stillschweigender Übereinkunft auseinandergehen, ohne die Gerichte zu bemühen, kann man getrost von jährlich 30 000 Ehen sprechen, die in Zerwürfnis enden. Der römische "Osservatore della Domenica" hat errechnet, daß auf diese Weise allein in vier Jahren 750 000 Kinder eines normalen Familienlebens beraubt werden. Und wie in anderen Ländern wird mit Sorgen beobachtet, daß vor allem Ehen anfällig sind, die erst zwei oder drei Jahre gedauert haben und deren Partner jünger als 25 Jahre alt sind.

Zwei Fälle ehelicher Zerrüttung haben in Italien eine ganz außergewöhnliche Anteilnahme gefunden.

Da war zuerst der berühmte Radweltmeister Fausto Coppi, der seine Frau und ein kleines Töchterchen verließ, um mit der Frau eines Arztes (und Mutter dreier Kinder) zusammenzuleben. Sie schenkte ihm den, langersehnten Erben, und ganz Italien hielt den Atem an, ob der verlassene Arzt auf gerichtliche Aberkennung des Neugeborenen klagen und seinen Rivalen die bittere Rache des betrogenen Ehemannes fühlen lassen würde. Coppi starb darüber, und in komplizierten gerichtlichen Verhandlungen wurde endlich die Mutter als Vormund eingesetzt.