Von Manfred Kuhn

„Der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten“ – mit dieser These der Resignation kapitulieren wir vor den ständig zunehmenden Angriffen der Technik auf unsere Sicherheit und Gesundheit. Müssen wir uns ergeben? Müssen wir uns mit dem Tod auf den Straßen, dem Flugzeuglärm, der Verunreinigung der Luft und der Gewässer abfinden? Nein, sagt der Schweizer Sozialwissenschaftler und Jurist Manfred Kuhn und verlangt den Verzicht auf die schrankenlose Nutzung der angewandten Naturwissenschaft; er fordert eine „technische Askese“. Es ist nicht ohne Reiz, daß ausgerechnet Robert Jungk, gewiß kein blinder Bewunderer der modernen Welt, sich gegen Kuhns These zur Wehr setzt und für den Fortschritt – einen von humanitären Ideen gelenkten freilich – eine Lanze bricht.

Seitdem es eine Naturwissenschaft, seit es eine Technik im modernen Sinne gibt, hat ein Satz das Fühlen und Denken zuerst der abendländischen Völker und jetzt der ganzen Menschheit beherrscht: Was technisch möglich ist, gilt als erlaubt, ja als geboten.

Dieser Satz kennt keinen Vorbehalt zugunsten irgendwelcher Werte oder Rechte von höherem Rang. Privateigentum und Persönlichkeitssphäre sind ihm längst geopfert worden. Ansprüche auf reine Luft, reines Wasser, ungestörten Schlaf, unzerstörte Landschaft werden ja nicht erst durch Atomexplosionen in Frage gestellt, sondern sind in unserer westlichen industriellen Zivilisation schon weithin liquidiert worden. Und sie sind einfach deshalb liquidiert worden, weil die Liquidation technisch möglich gewesen ist. Die Ideologie des Fortschritts, die sich im blinden Glauben an die „Machbarkeit der Dinge“ manifestiert, kennt nun einmal keine Ehrfurcht vor der Natur und ihren Gesetzen, die bereits im römischen Recht als Grundpfeiler einer humanistischen Zivilisation gegolten haben. Und sie kennt keine Tabus mehr.

Was sich in den letzten sowjetischen Atomversuchen manifestierte, war entgegen einer weitverbreiteten, selbstgefälligen Phrase nicht so sehr der kommunistische Rationalismus, die Gottlosigkeit eines häretischen Systems, als vielmehr eine Ausprägung jener Ideologie des Fortschritts, die ursprünglich in Europa und dann in den USA Triumphe gefeiert hat.

Seien wir ehrlich: Wer heute im Ruhrgebiet lebt, ist nicht nur das potentielle Opfer eines sowjetischen Atomüberfalls, sondern schon längst das Opfer vergifteter Luft, vergifteten Wassers, ständigen Lärms – ist das Opfer jener „technischen Landschaft“, die Ernst Jünger einst in „Arbeiter“ visionär beschworen hat.

In dieser technischen Landschaft erscheint die Idee des Verzichtes auf technisch Mögliches nur als Postulat sektiererischer Weltfremdheit. Für Direktanschlüsse und einige Stunden geraffter Zeit werden heute in unserer „freien Welt“ ganze Städte dem infernalischen Flugzeuglärm preisgegeben. Parlamente und Gerichte kapitulieren vor angeblichen „wirtschaftlichen Notwendigkeiten“, als ob die Möglichkeit ungestörten Schlafes für die Bevölkerung nicht auch einen wirtschaftlich relevanten Faktor darstellte. Nicht nur die Ideologie des Fortschrittes zelebriert da ihr Dogma, auch die Phantasielosigkeit gefällt sich als „Realismus“.