Von Dieter E. Zimmer

Kein Geschmack ist so sicher wie der schlechte; während andere Leute gewöhnlich die eine oder andere Vorliebe haben, für die sie besser nicht geradestehen möchten, die, ist sie einmal überstanden, wie ein Makel schamhaft verschwiegen oder mit Renegateneifer bekriegt wird, plagt den Kitsch-Geschmack kein Skrupel. Anfechtungen sind ihm unbekannt.

Kein Interieur ist so geschlossen wie das Kitsch-Interieur. Während andere Leute bisweilen auch fragwürdigen Gegenständen erliegen oder sie aus Pietät um sich dulden, fügt sich im Kitsch-Haushalt alles aufs passendste zusammen: an der Wand die drei Grazien, auf der Couch der Lesezirkel, auf dem Tisch die Spieldose, an der Decke das nordische Heimmobile, Ganghofer im Buchgemeinschafts-Lederrücken auf dem Bücherbord und auf dem Plattenspieler die ach so ferne Heimat, die gleichwohl von Rübezahl gut gehütet wird. Mit wunderbarer, nachtwandlerischer Sicherheit findet der Kitsch-Geschmack auch noch aus dem vielfältigsten Angebot das ihm Gemäße heraus.

Definiert hat den Kitsch endgültig noch niemand. Wohl hat sich manches Einleuchtende zu seiner ästhetischen, soziologischen, psychologischen und anthropologischen Bestimmung angesammelt, von Broch über Benjamin, Hocke, Deschner, Kellerer zu Giesz, doch immer blieb er seinen Jägern voraus, eine Art weißer Hirschkuh – aus garantiert echt Meißner Porzellan.

Besonders in den letzten Jahren ist die Hetzjagd auf ihn zu einem beliebten Sport geworden. Der originale Kitsch wurde zum Sammel- und Studienobjekt. Ganze Kongresse finden sich ihm zu Ehren zusammen und geraten sich über ihn in die Haare.

Man muß miterlebt haben, wie sich streitbare Herren bei solchen Anlässen mit listigem Lächeln den Kitsch gegenseitig in die Schuhe schieben, wie sich ganze Disziplinen der Kunst, ganze Generationen gegenseitig die Schuld am Kitsch aufhalsen, um das phonetisch so attraktive, das so angenehm abfällig klatschende und zischende Wort seines bitterbösen, weltverbesserischen Ernstes entkleidet und als das zu sehen, was es ist: ein Schimpfwort, wenig besser als „Schnulze“ oder „Schinken“ oder „Tinnef“, das allgemeinverbindlich zu definieren ebenso aussichtlos wäre wie eine Verständigung über den genauen Begriffsinhalt von „Halunke“.

Ein Schimpfwort und mehr: eine Art Verfluchung. Während jeder andere Gegenstand der Kunst noch eines wägenden Teils-teils gewürdigt wird, gibt es keinerlei Berufung, wo man sich auf das Prädikat „Kitsch“ geeinigt hat. Die Wendung „ein bißchen kitschig“ meint nicht den Grad des Verkitschtseins, sondern dämmernde Erkenntnis.