Von Christoph von Imhoff

New Delhi‚ im Dezember

Die dritte Weltkirchenkonferenz war nicht Gottesdienst im herkömmlichen Sinne. Das war sie zwar auch, in erster Linie aber war sie eine fast drei Wochen dauernde große Arbeitssitzung. In der indischen Hauptstadt trafen sich Tag für Tag die Delegierten von insgesamt 198 evangelischen, anglikanischen und othodoxen Kirchen und arbeiteten Konferenzpapiere aus – in einem Gesamtumfang von 150 Seiten.

In einem dieser Papiere heißt es, daß wahrscheinlich „in nicht allzu langer Zeit die Besetzung der höheren Stellen in der Verwaltung des ökumenischen Rates der Kirchen wechseln wird“. Dieser Satz bezieht sich vornehmlich auf die Schlüsselfigur der „Ökumene“, auf den Generalsekretär Dr. Wilhelm Adolf Visser’t Hooft, ohne den die ökumenische Bewegung, ohne den auch die drei bisherigen Weltkirchenkonferenzen nicht zu denken sind. Der 60jährige Niederländer, der in der Schweizer Reformierten Kirche ordiniert worden ist, weil er, da er nicht Pastor war, sondern Sekretär des YMCA, in seiner Heimatkirche nicht ordiniert werden konnte, trägt sich mit Rücktrittsabsichten. Noch ehe die vierte der Weltkirchenkonferenzen in spätestens sechs Jahren – vermutlich in Addis Abeba – abgehalten wird, will er einem jüngeren Mann Platz machen. Man spricht von Bischof Newbegin als seinem möglichen Nachfolger, dem bisherigen Generalsekretär jenes Internationalen Missionsrates, der in New Delhi mit dem ökumenischen Rat verschmolzen wurde.

Dieser Wechsel ist deshalb von Bedeutung, weil es selbst in der Kirche Christi nur wenige Figuren gibt, die in solchem Maß wie Visser’t Hooft die Person hinter der Sache zurücktreten lassen. Der Schweizer Pastor holländischen Geblüts war nicht umsonst ein enger Freund des verstorbenen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld. Gleich ihm besitzt er das große taktische Verhandlungsgeschick, mit dem er oftmals divergierende Elemente unter einen Hut brachte und zum Kompromiß hinweg.

Visser’t Hooft wäre wohl der letzte, dem man nachsagen könnte, er überschaue nicht jene Belastung, die für den ökumenischen Rat mit der Einbeziehung durch die russische Orthodoxie gegeben ist. Er sieht sie aber über den politischen Bereich hinaus vorwiegend im Theologischen. Denn diese Kirche war seit einem Jahrtausend von Westeuropa isoliert. Sie betrachtete sich immer als „die einzige Kirche“ und war es nicht gewohnt, den Dialog zu führen, der in der Ökumene Lebenselixier ist.

Hier brachte der 38jährige Dozent der Theologie und zweite Direktor des ökumenischen Instituts in Bossey, der Grieche Dr. Nios A. Nissiotis, ein enger Mitarbeiter Visser’t Hoofts, den neuen, auch die Orthodoxie selbst befreienden Akzent in die Diskussion. Auf der einen Seite warnte er gerade die Orthodoxie davor, ihr Zeugnis von der Einheit aus dem Schweigen des Martyriums preiszugeben und sich in die Auseinandersetzung der westlichen Kirchen hineinziehen zu lassen. Er nannte es aber gleichzeitig eine unorthodoxe, eine „pseudo-konservative“ Haltung, einfach die Vergangenheit anderer Konfessionen zu verurteilen. Denn „orthodox“ – das ist für ihn „nicht ein ausschließender, sondern ein einschließender Begriff“, der über die Grenzen der sogenannten orthodoxen Kirchen hinausreicht und alle Kirchen und Gläubigen umfaßt, weil die geschichtlichen Kirchen „in ihren Spaltungen einen schismatischen Zustand in der einen ungeteilten Kirche darstellen“. Das aber heißt doch, daß jede der vielen Kirchen einen Teil der gesamten Wahrheit verkörpert und also alle zusammen erst die ganze Wahrheit.