Jeder kennt die Geschichte von jenen drei Heiden: zum leuchtenden Stern gerufen, überwinden sie all. Hindernisse und gelangen schließlich nach Bethlehem, zum Licht... Wir wollen den Vergleich nicht weiter ziehen. Denn nichts liegt uns ferner, als in dieser weihnachtlichen Zeit jemanden zu schockieren, weder den Leser, noch die drei, von denen wir in übertragenem Sinne sprechen – Schweden, Österreich und der Schweiz – und auch nicht die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die ihr Licht nur in Brüssel, nicht in Bethlehem aufgehen läßt.

Die drei Neutralen pilgern tatsächlich gen. Brüssel – sie wollen nicht draußen bleiben. Gar wohl bewußt ihrer königlichen Würde, bringen sie einige Geschenke mit, aber sie wollen sich auf keinen Fall, unterwerfen. In freundlichen, hochachtungsvollen Briefen wandten sie sich vergangene Woche an den Präsidenten des EWG-Ministerrates’und baten um verständnisvolle Verhandlungen, die sie selbst mit der Assoziation an die EWG honorieren wollen.

Nun ja, Verständnis braucht es tatsächlich auf beiden Seiten! Die EWG hat ein kräftiges europäisches Feuer entfacht, das weitherum leuchtet und wärmt. Es sollten aber die zunächst Stehenden durch den hellen Schein nicht geblendet werden und erkennen, daß schließlich alle auf dem alten Kontinent des Lichtes bedürfen. Auch die Neutralen. Sie wollen ja wirtschaftlich ihren guten Beitrag zum größeren, stärkeren Europa leisten; sie können aber leider mit ihren politischen Traditionen nicht einfach brechen – Traditionen übrigens, die zum Teil ihre „internationale Funktion“ bestimmen. Bei der EWG sollte man deshalb ohne Überheblichkeit die Anfragen prüfen – und zwar bald und auch mit einiger Großzügigkeit.

Verständnis erwartet man aber auch zu Recht von den drei Ländern, die sich in ihren Bewerbungsschreiben gegenseitig zur „schonenden Behandlung“ empfehlen. Denn – und das dürfte man inzwischen in Bern, Wien und Stockholm wissen – die EWG hat ihr Ziel hoch gesteckt; sie will Außerordentliches erreichen, sie will ein jahrhundertealtes wirtschaftliches und politisches Trümmerfeld aufräumen und Europa wirklich gründlich“ meliorieren. Wer diese umfassenden und stürmischen Pläne nicht begreift, wer auch nicht an ihre totale Realisierbarkeit glaubt, muß den Neuerern eine gewisse „Rücksichtslosigkeit“ zubilligen. Die EWG muß tatsächlich in ihrem Eifer gründlich, in ihren Handlungen konsequent sein. Sie darf sich nicht von allzu vielen „wenn“ und „aber“ (auch von Freunden vorgebracht) beeinflussen lassen.

Die EWG steht vor großen Aufgaben. Die zweite Integrationsetappe bringt Anpassungsprobleme besonderer Art zwischen den Sechs; mit Großbritannien, Dänemark, eventuell auch mit Irland und Norwegen müssen Beitrittsverhandlungen geführt werden; schon in wenigen Monaten kann auch das wirtschaftliche Verhältnis zu den USA in neuem Licht erscheinen. All dies setzt zielbewußte und schnelle Arbeit voraus. – Deshalb sollten die drei Neutralen ihre äußerste und echte Bereitschaft zur EWG in die Verhandlungen mitbringen. Die Brüsseler werden sie durch eine undoktrinäre Großzügigkeit quittieren; denn Schweden, die Schweiz und Österreich sind als Verbündete im alten Europa wirklich gute Partner.

H. R.