Von Thomas v. Randow

War 1961 ein Entdeckerjahr, vergleichbar etwa jenem, das vor einem halben Jahrhundert zu Ende ging? Gab es so etwas Erregendes wie Amundsens Nordpolexpedition, etwa so Grundlegendes für die Physik wie das Atommodell, das Rutherford 1911 konzipierte? Wurde in diesem Jahre die Medizin um eine so segensreiche Entdeckung bereichert wie damals, als Funk und Ternuchi das erste Vitamin fanden, oder wurde etwas so Zukunftsweisendes erkannt wie das Verschwinden des elektrischen Widerstandes bei tiefen Temperaturen, die Supraleitung, die heute, ein halbes Jahrhundert später, zum erstenmal technisch nutzbar gemacht wird?

Wissenschaftliche und technische Errungenschaften lassen sich in ihrem Wert nicht miteinander vergleichen, und ob eine Erkenntnis einmal zu ganz neuen Entwicklungen führen wird, zum Segen oder gar zur Bedrohung der menschlichen Gesellschaft, das läßt sich nur in ganz seltenen Fällen ahnen. Wer hätte etwa 1928 voraussagen können, daß die wichtigste Entdeckung jenes Jahres im St. Mary Hospital zu London gemacht worden war, wo Alexander Fleming in den Sporen eines Schimmelpilzes ein Mikrobengift fand, das Penicillium notatum:

Sicherlich ist in dem Jahr, das nun zur Neige geht, vieles erforscht, entdeckt und erdacht worden. Gewiß mehr, als in irgendeinem Jahr zuvor – das beweist allein schon die Flut von wissenschaftlichen und technischen Publikationen, die auch 1961 weiter angeschwollen ist. Auch an Expeditionen in unbekannte Gebiete hat es nicht gefehlt; die wohl erregendste war der erste Raumflug eines Menschen am 12. April. Als der junge sowjetische Major Juri Gagarin wohlbehalten zur Erde zurückgekehrt war, die er in 89 Minuten schwerelos umkreist hatte, da jubelte alle Welt diesem tapferen Mann zu, der so begeistert von dem schwarzen Himmel berichtete, an dem gleich neben der Sonne die Sterne zu sehen waren.

Der wissenschaftliche Wert der Weltraumreisen läßt sich nur schwer beurteilen Alle vier Astronauten, die in diesem Jahr den Flug ins All gewagt haben, sind Offiziere, gewöhnt an die Wahrung von Geheimnissen. Weder von ihnen noch von den militärischen Instituten, die diese Expeditionen geplant und ausgewertet haben, erfuhr die Öffentlichkeit genug, um den Gewinn zu ermessen, den jene kostspieligen und gefährlichen Unternehmen der Forschung eingebracht haben. Indessen ist leicht einzusehen, daß man sich schon in diesem frühen Stadium der Weltraumforschung nicht mehr mit den Beobachtungen begnügen will, die von Maschinen registriert und mitgeteilt werden können. Denn auch die kompliziertesten Steuerungsgeräte und Denkmaschinen unterscheiden sich von dem Gehirn selbst eines Affen so sehr, wie das Straßennetz eines kleinen Dorfes von dem einer Großstadt oder das kleine Einmaleins von der höheren Mathematik.

Immerhin haben auch schon die Roboter in den künstlichen Trabanten und Raumsonden, von denen zur Stunde fast 40 den Globus umkreisen, der Forschung wertvolle Daten übermitteln können, Meßergebnisse, aus denen hervorgeht, daß

  • die Ionosphäre um mindestens 2500 bis 3200 km höher in den Raum reicht, als man vermutete,
  • die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne einen viele Millionen Kilometer langen Schweif aus Wasserstoffgas hinter sich herzieht,
  • das interplanetarische Magnetfeld eine Fortsetzung des Magnetfeldes der Sonne ist,
  • der Meteoritengürtel um die Erde wahrscheinlich hundertmal dichter ist, als bisher angenommen wurde.