Das Jahr 1961 machte gerade seine ersten Schritte, als im Januar ein neuer amerikanischer Präsident die Macht in die jugendlichen Hände nahm. Jetzt, da sich 1961 anschickt, aus der Gegenwart in die Geschichte zu treten, bietet sich dem rückschauenden Auge ein mit Überraschungen und Enttäuschungen, Krisenwinter und vielfältigen Spekulationen überreich bestücktes Panorama des ersten Kennedy-Jahres.

Der Mann aus Boston hatte einen schweren Start: Die Weltgeschichte gab ihm keine Zeit, jene kühnen Konzeptionen, mit denen er im Wahlkampf angetreten war, auf die Wirklichkeit abzustimmen. Er, der gemeinsam mit seinem Beraterstab planender Akademiker zunächst analysieren wollte, mußte sogleich handeln. Sehr zögernd tat er dies, und, wie es schien, sogar widerwillig. Einmal aber, da er sich auf den nicht hinreichend überprüften Ratschlag anderer verließ und schnell zupackte, holte er sich – im April – jene fatale Schlappe, die für alle Zukunft den Anfang seiner Regierungszeit markieren wird: Kuba.

So schlimm dieses Fiasko den Präsidenten traf – es bot ihm doch zugleich die Rechtfertigung dafür, nun umso entschlossener und konsequenter an seiner schon lange vorher formulierten Regierungsvorstellung festzuhalten. Sie läuft darauf hinaus; politische oder gar militärische Aktionen nie aus der Augenblickssituation heraus einzuleiten, scheine sie auch noch so günstig, sondern allein nach einem sorgfältig vorbereiteten und in allen seinen Einzel-Aspekten überprüften strategischen Gesamtplan.

Solcherlei politische Strategie, die nicht nur eine verwirrte Welt von hadernden Verbündeten, berechnenden Gegnern und unberechenbaren Neutralen, sondern auch weite Zeiträume zu berücksichtigen hat, läßt sich nicht in wenigen Wochen entwickeln. Wer sie dennoch haben will, muß wohl alle jene Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, die dieses Kennedy-Jahr gekennzeichnet haben. Er muß sich, verdammt zu scheinbarer Untätigkeit, gefallen lassen, daß man ihn des Zögerns und Zauderns, des puren Bramarbasierens und des kraftlosen Zurückweichens bezichtigt. Er kann wenig dagegen tun, daß von den vielen Gedanken, Ideen, Vorschlägen und Planungsteilchen, die nun einmal zu einer solchen politischen Generalstabsarbeit gehören, einige nach außen dringen, daß sie dann überbewertet, totalisiert werden und im eigenen Lande nicht anders als bei den Freunden, über deren Schicksal in Washington schließlich mitentschieden wird, Unbehagen und Widersprüche, Zweifel und sogar Verzweiflung hervorrufen. Kennedy war bereit, den Preis zu zahlen. Erst der Historiker wird sagen können, was dem besorgten Beobachter an dieser Jahreswende zu beurteilen noch nicht möglich ist: Ob der Preis angemessen oder ob er zu hoch war...

Die großen Hoffnungen jedenfalls, die gerade auch das westliche Europa auf eine kraftvolle und klare Politik des neuen Mannes im Weißen Haus gesetzt hatten, haben sich im Jahr 1961 noch nicht erfüllt. Und die Frage bleibt offen, ob der amerikanische Präsident, der die Zukunft in den Griff bekommen möchte, dabei nicht die Chancen und Erfordernisse des Augenblicks zuweilen aus allzu großer Höhe betrachtet.

Hans Gresmann