Kuba auf des Kremls Weg (Schluß) /

Von Ernst Halperin

Mit einigen Kollegen saß ich beim Nachtessen im Speisesaal des Hotels Riviera in Havanna, als eine Gruppe Kubaner eintrat. In ihrer Mitte ging, sie alle überragend, ein Mann mit der schlechten, gebückten Haltung, die hochgewachsene Leute in einem Volke von unterdurchschnittlicher Körperstatur anzunehmen pflegen.

Er ließ sich in einen Sessel fallen. Eine olivgrüne Uniform, über dem offenen Hemdkragen ein bleiches, fleischiges Gesicht, jung und faltenlos, aber umrahmt von züngelnden schwarzen, Bartfransen. Aus dem kindlich aufgeplusterten Mund stach eine überlange Zigarre in die Luft. Es war ein interessantes Gesicht, intelligent, schlau und genießerisch: Dr. Fiedel Castro Ruz, Premierminister von Kuba und Oberster Führer der kubanischen Revolution.

Im Nu hatten wir Journalisten das Essen stehen gelassen und uns um den Mann geschart. Und dann begann ganz unerwartet die seltsamste, unkonventionellste, ergiebigste und weitaus längste Pressekonferenz, die ich je erlebt habe. Sie dauerte von halb zehn Uhr abends bis gegen drei Uhr morgens.

Anders als die Ostblockführer

Einem Machthaber dieser Art war ich noch nie begegnet. Ich hatte mehrere Herrscher des kommunistischen Osteuropa aus nächster Nähe beobachten können: Tito, Chruschtschow, Ulbricht, den mürrischen Gomulka, den eifrigen Funktionär Novotny und den müden Beamten Kadar. Diese kommunistischen Parteiführer der Nachkriegszeit, die Epigonen der Parteigründer und großen Kämpfer und Ideologen, haben bei aller Verschiedenheit des Formats und des Charakters vieles gemeinsam – die Herkunft aus dem Arbeiterstande, die tüchtige marxistische Grundschule, den mühsamen, gefahrvollen Dienst im Partei- oder Kominternapparat, die Beteiligung an den Intrigen und den wilden Machtkämpfen der Stalin-Ära. Ihnen allen sind in ihrer Jugend einige Gedanken als Grundlage ihrer Weltanschauung eingeprägt worden: daß der Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab unvermeidlich sei, daß das Proletariat die treibende Kraft der historischen Entwicklung und die Kommunistische Partei die Partei des Proletariats sei, und daß der Sieg und Herrschaft der Partei mit dem Sieg und der Herrschaft des Proletariats identisch seien. Keiner von ihnen, auch nicht der Revisionist Tito und der des Revisionismus verdächtige Gomulka, scheint jemals ernstlich an der Berechtigung dieser Sätze gezweifelt oder wesentlich über sie hinausgedacht zu haben. Sie bilden die dogmatischen Voraussetzungen des Denkens und die Rechtfertigung des Tuns dieser hartgesottenen kommunistischen Parteipolitiker.