Für die Sowjetunion war 1961 ein Jahr des Übergangs. Das neue Parteiprogramm, das am 28. Oktober angenommen wurde, sollte den Weg in die Zukunft weisen; der XXII. Parteitag, der in Moskau vom 17. bis 31. Oktober tagte, sollte den Sowjetkommunismus vom Ballast der Stalinschen Vergangenheit befreien. An dieser Thematik wurde das Dilemma Chruschtschows deutlich: die Herrschaftsmethoden Stalins sind offensichtlich überholt, aber die neuen Formen der entstehenden modernen kommunistischen Industriegesellschaft sind noch nicht gefunden.

Das Problem ist nicht einfach. Die großen wirtschaftlichen Ziele des Kreml verlangen eine schnelle Modernisierung – nicht nur eine quantitative Steigerung von PS und Kilowattstunden, sondern auch eine Fülle von ökonomischen, politischen, sozialen Veränderungen. Vor allem müssen Techniker, Ingenieure, Manager größere Bewegungsfreiheit erhalten, muß die politisch-ideologische Detailkontrolle der Partei über alle Bereiche der Wirtschaft und Wissenschaft gelockert werden. Aber werden solche Maßnahmen nicht die Herrschaft des Parteiapparates einschränken? Und wird das nicht ernste politische Konsequenzen haben?

Wenn die Partei denn ihre Herrschaft über die entstehende Industriegesellschaft aufrechterhalten wollte, so mußten zwei Dinge geschehen: Die Partei mußte ein langfristiges Ziel erhalten, um diese Herrschaft in Gegenwart und Zukunft rechtfertigen zu können; der Sowjetbevölkerung mußte jedoch gleichzeitig die Gewißheit gegeben werden, daß dies keine Rückkehr zu Stalin bedeute.

Beides geschah im Jahr 1961. Das neue Parteiprogramm enthielt erstmals die verbindliche Erklärung: „Die Partei verspricht feierlich, die heutige Sowjetgeneration wird im Kommunismus leben“. Die materiell-technischen Voraussetzungen für diesen Idealzustand sollen schon im Jahre 1980 geschaffen sein. Bis dahin soll die Industrieproduktion auf das Sechsfache, die landwirtschaftliche Produktion auf das 3,5fache anwachsen und die Arbeitsproduktivität doppelt so hoch sein wie jetzt in den USA.

Sollen aber die hochgesteckten Ziele erreicht werden, so muß die Sowjetbevölkerung die Gewißheit haben, daß der grauenvolle Stalin-Terror nicht wiederkehren wird. Dies war der Sinn der neuen Enthüllungen über den Stalin-Terror auf dem XXII. Parteikongreß; deswegen wurde der Leichnam Stalins aus dem Lenin-Mausoleum verbannt; deswegen wird jetzt in Moskau ein Denkmal für die Opfer der Stalin-Willkür errichtet.

Stalins neuerliche Verurteilung brachte allerdings aufs neue die schwelenden Widersprüche in der kommunistischen Weltbewegung ans Licht. Der erbitterte Streit zwischen den albanischen Stalinisten und den Moskauer Chruschtschowisten führte zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Mit der Achse Tirana–Peking begann sich ein Kristallisationspunkt für den stalinistischen Flügel im Kommunismus herauszubilden.

Auf der anderen Seite traten aber auch die reformkommunistischen – Strömungen deutlicher hervor, die nicht bereit sind, der Moskauer These zu folgen, daß der Stalin-Terror lediglich ein „fremder Auswuchs auf dem gesunden Körper der sowjetischen sozialistischen Gesellschaft“ gewesen sei. Sie wollen die Diskussionen von der Person Stalin und einiger „Parteifeinde“ auf den Stalinismus als System erweitern und treten unter der Devise „Polyzentrismus“ für größere Selbständigkeit und Unabhängigkeit gegenüber Moskau ein.

Diese Aufspaltung des Weltkommunismus war in meinen Augen das bedeutsamste Ereignis des abgelaufenen Jahres. Wolf gang Leonhard