Von Walter Boehlich

Jedermann kennt das Wort von Goethe: „Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen; die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, zu jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.“ Zu Goethes Zeiten war diese Weltliteratur auf einige wenige große Literaturen eingeschränkt, ihre Kenntnis einigen wenigen auserwählten Geistern vorbehalten.

In dem Maße, in dem unsere Welt kleiner geworden ist, ist sie überschaubarer geworden. Sie wirkt heute gleichzeitig vielfältiger und einheitlicher. Die weißen Flecken haben Farbe bekommen, Der unberechenbare Nobelpreis sorgt dafür, daß selbst dort neue Literaturen entdeckt werden, wo der gemeine Mann gar keine vermutet. Längst dominiert Europa nicht mehr, seine „Verzwergung“ schreitet fort, und es ist gut möglich, daß die jungen verdrängen der jungen Länder einmal die alten verdrängen oder doch wenigstens überwuchern werden.

Das Interesse der Verleger und der Leser an Fremdem nimmt überall ständig zu. Wir leben, wie ein Blick in die Bibliographie der UNESCO zeigt, im Goldenen Zeitalter der Übersetzer. Überschauen kann längst niemand mehr, was ringsherum erscheint. Gemessen am Vorhandenen, ist selbst der kenntnisreichste Kritiker, selbst der fleißigste Bibliograph zum Spezialisten herabgesunken. Wem an Ordnung gelegen ist, der muß resignieren. Überfülle wirkt nun einmal chaotisch. Aber es hat sich doch ebenfalls ein Standard herausgebildet, an dem alles einzelne gemessen werden kann und gemessen wird. Und dieser Standard ist, trotz allen nationalen und diktatorischen Egoismen, seit Jahrzehnten ein Standard der Weltliteratur.

Wer überhaupt liest, dem werden unaufhöilich neue Namen begegnen, von denen er nie zuvor gehört hat. Er wird sich unterrichten wollen, seine fragmentarische Kenntnis ausdehnen wollen, sich einen Überblick über Personen, Gattungen, Nationalliteraturen verschaffen wollen, und auch über das, was man seit Georg Brandes recht unglücklich „Strömungen“ nennt. Er wird schnell merken, daß, nichts so schwierig ist wie die Erfüllung gerade dieses Wunsches. Es fehlt an geeigneten Nachschlagewerken für die moderne Literatur. Lange Zeit hat man sich mit dem sogenannten Smith (A Dictionary of Modern European Literature) behelfen müssen (zuerst 1947), der sich auf den Kontinent beschränkt oder doch wenigstens Großbritannien außer acht läßt. Kein ideales, aber doch ein braves und meist zuverlässiges Werk, das seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen läßt und den Begriff der Literatur denkbar weit faßt. Es schließt weder Kritiker noch Historiker noch Philosophen aus. Mehr auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten sind die beiden Bände von Franz Lennartz („Deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit“; „Ausländische Dichter und Schriftsteller unserer Zeit“). Auch dieses Lexikon wird keine ungeteilte Zustimmung finden, denn was bei den Deutschen zuviel des Guten getan, worden ist, gleicht der zweite Band durch oft solide Unkenntnis aus.

Nun sind in den letzten Jahren in Deutschland und Italien bedeutende Anstrengungen gemacht worden, dem Ratsuchenden Hilfe zuteil werden zu lassen. Bei Mondadori in Mailand erscheint seit 1959 der „Dizionario Universale della Letteratura Contemporanea“ (bisher 3 Bände: A–Q), überreich illustriert, von vernünftigen Proportionen und ausgehend von der Anschauung, daß Literatur nicht mit schöner Literatur gleichzusetzen sei. Das hier zu nennende deutsche Werk ist bereits abgeschlossen:

„Lexikon der Weltliteratur im 20. Jahrhundert“ – 1. Band A–J, 1094 Sp., 2. Band K–Z, 1324 Sp. und 23 S.; Verlag Herder, Freiburg; je Band 84,– DM.